Leben retten, Wirtschaft stärken
Fast auf den Tag genau 74 Jahre ist es her, dass im Tiroler Kundl die ersten Zeilen eines Forschungskapitels geschrieben wurden, welches später in die Medizinhistorie eingehen sollte. Am Samstag, dem 17. November 1951, promovierte ein gewisser Ernst Brandl nicht nur an der Universität Innsbruck. Er startete auch jene Versuchsreihe, die bald darauf zum ersten säurestabilen Penicillin in Tablettenform führte. 1953 kam die Weltsensation unter den Namen „Ospen“ in den Handel und führte die Biochemie Gmbh, die 1964 in die Schweizer Sandoz AG eingegliedert wurde, zu wirtschaftlichem Erfolg. Bis heute ist das Medikament Teil des Sandoz-Portfolios und hat Millionen von Menschen weltweit bei bakteriellen Infektionskrankheiten das Leben gerettet.
Der Dank dafür gebührt nicht allein Brandls Forschungshunger, sondern auch seinem Appetit. Im Sommer 1949 hatte der damals Anfang Dreißigjährige nach Abschluss seines Doctorandums als Ferialpraktikant in Kundl angeheuert – für einen Monatslohn von 300 Schilling (heutige Kaufkraft laut historischem Währungsrechner der Oesterreichischen Nationalbank: rund 359 Euro). Und vom Mitteilungsblatt des Vereins der Pauliner – Brandl hatte am Bischöflichen Gymnasium Paulinum in Schwaz maturiert – um seinen Lebenslauf gebeten, schrieb der Wissenschaftler 1992: „Das freie Kantinenessen erschien mir als ein zusätzliches Geschenk dafür, dass ich mit meinem neuen Fach Bekanntschaft schließen durfte: der angewandten Mikrobiologie.“
Im Jahr 2025 kann man mit freiem Kantinenessen freilich kaum mehr (internationale) Forschergrößen nach Österreich locken oder sie hier halten. Es sind andere Faktoren, die den heimischen Life-Science-Standort zu einem der wichtigsten in Europa machen und heimische Unternehmen im internationalen Spitzenfeld platzieren bei der Entwicklung von Impfungen und pharmazeutischen Wirkstoffen gegen lebensbedrohliche Krankheiten wie Krebs oder Diabetes. Wie wir hinsichtlich Pharma und Biotech, die zu den bedeutendsten Schlüsselindustrien des 21. Jahrhunderts und zu den größten Wachstumssektoren der Welt gehören, aufgestellt sind und was wir zu ihnen beitragen? Hier die wichtigsten Facts und Figures.
Mehr Unternehmen
Österreichs Life-Science-Branche wächst. 2024 waren laut Life Science Austria (LISA) bereits 1.174 Unternehmen in den Bereichen Medizintechnik (s. Seite 64), Pharma und Biotechnologie tätig. Allein die Zahl der Biotech-Unternehmen verdoppelte sich nach Angaben von Statista seit 2012. Derzeit sind fast 200 Firmen in diesem Sektor aktiv. Für ihren Zweig zählte der Verband der pharmazeutischen Industrie Pharmig zuletzt 2023 nach und kam auf 120 Pharma-Unternehmen.
Großer Arbeitgeber
Laut Statista waren im Jahr 2024 in der Biotech-Industrie 3.316 Mitarbeitende beschäftigt. Tendenz: steigend. Auch die Zahl der Beschäftigten in der Pharmaindustrie wächst kontinuierlich. Während 2010 etwa 10.700 Personen in diesem Bereich tätig waren, waren es 2023 nach Pharmig-Angaben bereits rund 18.000.
Im Dienste der Gesundheit
Die heimische Pharma-Branche stellt eine große Bandbreite an Arzneimitteln und pharmazeutischen Produkten in den Bereichen Human- und Tiermedizin her. Auch rund zwei Drittel der Biotech-Unternehmen in Österreich sind nach Statista-Angaben im Bereich Gesundheit/Medizin/Pharmazeutik angesiedelt. Sie konzentrieren sich auf Wirkstoffe, Diagnostika und neue Therapien und befassen sich mit der Entwicklung von technologischen Verfahren, bei denen Zellen und Mikroorganismen für die Herstellung von Produkten oder Prozessoptimierungen genutzt werden. Zu den führenden Biotech-Unternehmen gehören Novartis Austria und Boehringer Ingelheim RCV. Beide Konzerne sind zwar hauptsächlich im Pharmabereich tätig. Doch ihr Engagement spiegelt die enge Verzahnung von Biotech, Pharmabranche und (Spezial-)Chemie wider.
Gesunder Umsatz
Laut Statista betrug der Gesamtumsatz der Pharma- und Biotechnologiebranche in Österreich im Vorjahr mehr als elf Milliarden Euro. Allein die Pharmaindustrie erwirtschaftete rund 9,55 Milliarden Euro Umsatz, die Biotechnologiebranche 1,7 Milliarden Euro. Sie wuchs seit 2020 um 68 Prozent. Die Austrian Business Agency (ABA) prognostiziert, dass der Umsatz der Sektoren jährlich um weitere zehn Prozent wächst. Das nach Nettoumsatz größte Pharmaunternehmen ist laut Trend Top 500 Boehringer Ingelheim RCV. Der Konzern setzte 2024 mehr als 2,1 Milliarden Euro um. Auf den Plätzen folgen Herba Chemosan Apotheker AG, Novartis Austria und die Sandoz GmbH. Insgesamt machen Life Sciences, was Pharma und Biotech einschließt, 8,3 Prozent des BIP aus – ein bedeutender Wirtschaftsfaktor.
Viel Forschung
Der pharmazeutische Sektor ist forschungsintensiv, nicht zuletzt, weil innovative Arzneimittel und Medizinprodukte strengen Zulassungsvorschriften unterliegen. Die Aufwendungen für Forschung und Entwicklung der heimischen chemisch-pharmazeutischen Industrie lagen laut Statista 2022 bei rund 732 Millionen Euro. Auch in der Biotech-Branche floss ein erheblicher Teil des Umsatzes in F&E – für neue technologische Verfahren, Zell- und Gentherapie. 2024 waren es nach LISA-Angaben 28 Prozent, sprich: Investitionen von 480 Millionen Euro.
Aktive Forschungsförderung
Bei den F&E-Ausgaben werden die Unternehmen nicht allein gelassen. Laut ABA liegt Österreich bei der direkten und indirekten Forschungsförderung vor allen anderen EU-Ländern. Wichtiger Baustein: eine ungedeckelte steuerliche Prämie von derzeit 14 Prozent der Aufwendungen, sowohl für eigenbetriebliche F&E als auch für Auftragsforschung. 2024 stieg die beantragte Forschungsprämie im Vergleich zum Vorjahr von 1,21 auf 1,4 Milliarden Euro. Zusätzlich unterstützen die Forschungsfördergesellschaft (FFG) und der Wissenschaftsfonds FWF direkt F&E-Projekte von Unternehmen beziehungsweise Grundlagenforschung. Mit der Austria Wirtschaftsservice GmbH (aws) steht Unternehmen zudem eine staatliche Förderbank zur Seite für zinsgünstige Kredite und Garantien.
Attraktives Umfeld
Österreich ist ein attraktiver Wirtschafts-, aber auch Wissenschaftsstandort. Forschungseinrichtungen wie das IMBA, die COMET Kompetenzzentren, die anwendungsnahen Christian Doppler Labors oder das erst 2024 gegründete AITYHRA-Institut für künstliche Intelligenz in der Biomedizin sind nicht nur ein wesentlicher Treiber für die schnelle Translation der Forschung. Sie ziehen auch Spitzenköpfe an, zuletzt etwa Michael Bronstein, DeepMind-Professor an der Universität Oxford und AITYHRA-Gründungsdirektor. An 56 Forschungsinstitutionen und Hochschulen sind über 24.000 Personen beschäftigt. Ihr F&E-Budget beläuft sich laut ABA auf 1,61 Milliarden Euro. Diese Rahmenbedingungen sind sicht- und greifbar – durch Forschungsleistungen, die Schlagzeilen machen. Ein weiteres Plus: Steuererleichterungen. Ausländische Wissenschaftler freuen sich über einen auf fünf Jahre befristeten Freibetrag von 30 Prozent ihrer Einkünfte aus der wissenschaftlichen Tätigkeit. Für sie ist es zudem einfach, sich zu verständigen. Vom EF English Proficiency Index 2024 erhielt Österreich die Bestnote „Very high proficiency“.
Dynamische Start-ups
Dank des guten Zusammenspiels von Wissenschaft und Unternehmen und der forschungsfreundlichen Rahmenbedingungen wächst nicht nur die Life-Science-Branche, sondern auch die Start-up-Szene dynamisch. Viele Start-ups werden von ihren Gründer:innen bereits parallel zum Studium an Österreichs Hochschulen ins Leben gerufen oder aber als universitäre Spin-offs.
Nachwuchs-Nachschub
Derzeit sind an Österreichs Hochschulen laut ABA rund 68.300 Studierende eingeschrieben. In den Life-Science-
Fächern verzeichnete der Life Science Report Austria 2021 mehr als 77.000 Student:innen. Etwa ein Drittel macht(e) also einen Abschluss in einem MINT-Fach, Platz zwei in der EU.
Zukunftssorgen
Trotz guter Wachstumszahlen verliert jedoch insbesondere die Pharmaindustrie in der EU laut eines WKO-Berichts aus dem November 2024 international an Boden. Lagen die F&E-Ausgaben Europas 2014 noch ungefähr gleichauf mit jenen der USA, sind die Vereinigten Staaten seitdem deutlich davongezogen. Bei der Entwicklung von Medikamenten mit neuen Wirkstoffen lagen chinesische Unternehmen, bei einem Viertel der Investitionsausgaben, bereits 2022 gleichauf mit dem EU-Raum und sind mittlerweile auf der Überholspur. Vor diesem Hintergrund braucht auch „Österreich neue Visionen, um seine (noch) sichere Position in Europa (und der Welt; Anm. d. Red.) nicht zu verspielen und seine Potenziale für die Zukunft ausschöpfen zu können“, so der Branchenverband Pharmig. Er fordert von der heimischen Politik einen Ausbau der staatlichen Forschungsprämie als Anreiz für forschende Pharmaunternehmen, eine Stärkung spezialisierter (Aus-)Bildungseinrichtungen, verbesserte Rahmenbedingungen für die klinische Forschung, die Einführung eines zehnjährigen Steuerfreibetrags für Investitionen zum Standortausbau, den Ausbau eines industriefreundlicheren Umfelds, eine Verbesserung der Finanzierungsströme im Gesundheitswesen, die Einführung einer Patientennutzenbewertung und einen verbesserten Marktzugang für innovative Arzneimittel, faire Preise für Medikamente und die Aufrechterhaltung des ausgewogenen Patentschutzes für innovative Arzneien in Europa. All das käme nicht nur dem Wirtschaftsstandort zugute, sondern auch den Menschen im Land.
Text: Daniela Schuster