Internet-Pionier Rushkoff: „Die Tech-Milliardäre wollen zu Göttern werden!“
Peter Thiel könnte das Ende der Zivilisation einläuten, sagt der Medientheoretiker Douglas Rushkoff. Im profil-Interview analysiert er die Weltherrschaftsfantasien der Tech-Bros und was wir ihnen entgegensetzen können.
Es ist lange her, dass Douglas Rushkoff mit Optimismus auf die Tech-Welt blickte. Der 65-Jährige war bei der Kommerzialisierung des Internets Mitte der 1990er-Jahre live dabei – und schon damals skeptisch, ob sich die alten Hoffnungen der Cyberpunks auf eine freiere und egalitäre Welt durch das Internet erfüllen würden. Sein Pessimismus sollte sich als berechtigt herausstellen.
Heute unterrichtet Rushkoff Medientheorie an der New York University; das Massachusetts Institute of Technology kürte ihn 2012 zu den zehn einflussreichsten Intellektuellen weltweit. Er ist Autor mehrerer Sachbücher und Romane, Begriffe wie „Digital Native“, „soziale Medien“ und „viral gehen“ stammen aus seiner Feder. Zuletzt erschien mit „The Survival of the Richest“ (2022) eine Studie darüber, wie die Tech-Milliardäre unsere Gesellschaft radikal umbauen wollen. Rushkoff kennt den einen oder anderen Tech-Bro persönlich. Manchmal, sagt er, laden sie ihn zu Gesprächen in ihre Luxusanwesen – etwa wenn es um die Frage geht, wie sie ihre Bodyguards davon überzeugen sollen, den Job nach dem Weltuntergang nicht hinzuschmeißen.
Ja, sie haben mich gebeten, ihnen einen Satz darüber zu schicken, auf welcher Seite ich stehe.
Sie haben den Festwochen dazu geraten, ihn sprechen zu lassen.
Rushkoff
Ja, warum nicht? Man könnte vernünftig mit ihm reden. Er wird vielleicht einer der drei oder vier Hauptverantwortlichen für das Ende unserer Zivilisation sein. Sicherlich für das Ende der Demokratie und der Vereinigten Staaten, vielleicht auch des gesamten Planeten. Thiel spielt eine wichtige Rolle.
Wie sollte er das Ende der gesamten Zivilisation einläuten?
Rushkoff
Er träumt davon, Herrscher über unsere Realität zu sein. Und er glaubt, dass diejenigen von uns, die sich für gegenseitige Hilfe oder soziale Gerechtigkeit einsetzen, satanisch seien. Das ist eine gefährliche Annahme für jemanden, der über eine Technologie wie Palantir verfügt und über immense politische Macht.
Wieso sollte man ihn also auf eine Bühne bitten?
Rushkoff
Es wäre eine Gelegenheit für Künstler und Denkerinnen, einzugreifen, ihm zu begegnen, mit dem Menschen Peter Thiel in Kontakt zu treten. Das könnte ihn beeinflussen. Es könnte ihn verändern.
Sie schreiben in Ihrem jüngsten Buch, dass den Tech-Bros nichts Schlimmeres passieren könnte, als wenn wir sie durchschauten. Sind Debatten mit ihnen eine Gelegenheit dafür?
Rushkoff
Ja, vorausgesetzt, sie öffnen sich. Meistens sagen sie nur, was sie uns einreden wollen, damit sie ihre Pläne umsetzen können. Die wohlhabenden Eliten in den USA glauben zum Beispiel nicht an den Klimawandel – oder sie glauben daran und bezahlen für Propaganda, die das Gegenteil behauptet, weil sie wegen des Klimawandels steigende Preise für lebensnotwendige Güter fürchten. Sie wollen nicht, dass die Preise steigen, also versuchen sie, günstig einzukaufen und teuer zu verkaufen. Sie wollen mehr Zeit, um sich abzusichern. Ich glaube also nicht, dass diese Leute unbedingt die Wahrheit über ihre Gedanken und Gefühle äußern. Peter Thiel ist ziemlich selbstsicher in seinen Überzeugungen. Er meint zum Beispiel, Philosophen wie René Girard (Anthropologe und Religionswissenschafter, Anm.) zu verstehen. Es könnte gut für ihn sein, Erfahrungen mit Denkern zu sammeln, die er nicht bezahlt.
Am Gespräch der Wiener Festwochen hätte Wolfgang Palaver teilgenommen, ein liberaler Theologe, der Thiel seit 30 Jahren kennt und mit ihm gern über René Girard und den Nazi-Theoretiker Carl Schmitt debattiert.
Rushkoff
Ich habe von ihm gehört. Aber ich denke, der wahre Weg ist nicht, die Tech-Bros zu kritisieren, sondern ihnen klarzumachen, dass sie zu kurzsichtig denken. Man muss ihnen zeigen, dass man ihre Sichtweise versteht und ihre Intelligenz anerkennt. Schließlich planen sie angeblich, ein paar Tausend Tech-Bosse und Milliardäre zu retten – und so unsere DNA in eine nächste, vielleicht außerplanetarische Zivilisation hinüberzuretten.
Man sollte ihnen schmeicheln?
Rushkoff
Ich glaube, wir müssen sagen: „Du kannst das noch viel besser! Du könntest für dieses Spiel den höchsten Schwierigkeitsgrad wählen und tatsächlich den ganzen Planeten retten!“ Es geht darum, ihnen klarzumachen, dass die noch größere Vision darin bestünde, alle mitzunehmen, anstatt nur der Zivilisation zu entkommen, die sie selbst zerstört haben.
Langfristig müssen wir darüber nachdenken, wie wir eine Zivilisation entwickeln konnten, die Soziopathen belohnt.
Douglas Rushkoff
Tech-Bros wie Thiel und Tesla-Gründer Elon Musk sind geradezu besessen von IQ. Warum sollten sie normale Menschen, die sie für dumm halten, mit ins All nehmen?
Rushkoff
Um Götter zu werden! Sie wollen angebetet werden. Auch Zeus und Athene mochten es, von Menschen verehrt zu werden. Langfristig müssen wir aber darüber nachdenken, wie wir eine Zivilisation entwickeln konnten, die Soziopathen belohnt. Warum ist Soziopathie der beste Weg, Präsident oder der reichste Mann der Welt zu werden? Das liegt daran, dass wir eine Gesellschaft auf Kapitalismus gebaut haben. Man entnimmt so viel an Wert wie möglich – und haut dann ab.
Sie bezeichnen diese Denkweise der Tech-Bros als „Mindset“. Was macht dieses so gefährlich?
Rushkoff
In ihrer Welt gilt das Recht des Stärkeren. Sie denken, die Zerstörung dieser Welt sei unvermeidlich und das Beste, was man tun könne, sei, Geld und Technologie zu nutzen, um zu der kleinen Gruppe zu gehören, die entkommt. Diese Denkweise verbindet den Kapitalismus mit der Technologie und kommt zu dem Schluss, dass die menschliche Realität etwas ist, das überwunden, transzendiert werden muss. Ob man den Planeten verlässt, sein Bewusstsein in die Cloud hochlädt oder eine von Robotern verteidigte Burg baut – diese Vorstellung ist manisch.
Jetzt könnte man fragen: Was hat das alles mit mir zu tun?
Rushkoff
Das Mindset ist gefährlich, weil die Menschen, die es vertreten, glauben, dass 90 oder mehr Prozent der Weltbevölkerung sterben müssen, damit sie weiterleben können. Es ist gefährlich, weil jene, die daran glauben, die reichsten und mächtigsten Menschen der Welt sind. Sie entwickeln Technologien und Plattformen, auf denen menschliche Aktivitäten stattfinden. Sie entwickeln künstliche Intelligenzen, die schon bald die meisten unserer menschlichen Fähigkeiten übertreffen werden. Sie wollen die Atmosphäre kontrollieren, in der wir uns bewegen (gemeint ist Geoengineering, die Bewältigung des Klimawandels durch technologische Eingriffe, Anm.), und Technologien entwickeln, die unser Nervensystem manipulieren können, um uns Dinge glauben zu lassen, die gar nicht passieren. Leute wie Thiel kontrollieren nicht nur die Überwachungsapparate, sondern dominieren zunehmend die Medien, die wir konsumieren. Sie verändern unsere Wahrnehmung und verleiten uns dazu, einander als Konkurrenten oder Feinde zu betrachten. Sie deaktivieren die sozialen Mechanismen, die uns helfen, Alternativen zu Kriegen zu entwickeln.
Im Gegensatz zu den meisten anderen Tech-Bros bezeichnet sich Thiel als Christ. Ist der Traum von einer neuen Gesellschaft so etwas wie eine Auferstehung?
Rushkoff
Jesus starb, dann erstand er auf und gelangte an einen anderen Ort. Thiel verwendet diese Metapher, um den menschlichen Weg ins Transhumane zu veranschaulichen. Nicht jeder kann wiederauferstehen, nur die Supermenschen, die Genies, Milliardäre und Technologen. Diese Leute sehen unsere Kultur als feige und weiblich. Die Schwachen schaden der gesamten Spezies. Also sollen sie sterben.
Was würde sich ändern, wenn die Menschen die Ziele dieses Mindset durchschauten?
Rushkoff
Ich habe mein „Survival“-Buch 2022 geschrieben. Damals dachte ich, es sei witzig. Ich machte es zu einer schwarzen Komödie, weil die Ansichten dieser Leute so absurd sind. Sie sind so dämlich und so offensichtlich widerlegbar, dass ich dachte, wenn die Leute dieses Buch lesen und erkennen, wie albern und dumm ihre Helden sind, würden sie aufhören, diese Männer zu vergöttern und in ihre Firmen zu investieren. Sie würden nicht mehr auf X sein wollen, wenn sie verstehen würden, wie Musk wirklich denkt. Aber in Amerika verstehen die Menschen Trump, und ein Drittel unterstützt ihn trotzdem. Ich bin mir nicht sicher, was da los ist. Möglicherweise ist so etwas wie ein karmischer Selbstmordimpuls im Spiel.
Thiel will nicht Präsident werden, sondern der Strippenzieher im Hintergrund bleiben.
Douglas Rushkoff
Wie viele Ihrer Leserinnen und Leser haben Sie bekehrt?
Rushkoff
Vermutlich Tausende. Das gibt zumindest etwas Hoffnung. Die meisten Menschen, wissen nicht, was Transhumanismus ist, und sie kennen auch Thiel oder andere aus dieser Szene nicht wirklich. Thiel hat es verstanden, sich im Hintergrund zu halten. Er will nicht Präsident werden, sondern der Strippenzieher im Hintergrund bleiben.
Sehen Sie die Möglichkeit, dass sich die Menschen von der Technologie wieder abwenden?
Rushkoff
Ich glaube, die Tatsache, dass sich die KI-Unternehmen unser Land und unser Wasser aneignen und nur ihre eigenen Interessen verfolgen, lässt die Menschen erkennen, dass hier etwas faul ist. Sie werden sehen, dass diese Technologie uns nicht dient oder unser Leben einfacher macht. Im 20. Jahrhundert stand Technologie für Fortschritt, im 21. Jahrhundert heißt es, Technologie stehe für Bequemlichkeit. Aber wir sehen ja, dass die Datenserver, die sinkenden Grundwasserspiegel und die verlorenen Arbeitsplätze alles andere als bequem sind. Es funktioniert einfach nicht für uns. Vielleicht wird sich die Stimmung ändern.
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Sie waren in den 1990ern einer der Internetpioniere, ein Cyberpunk voller Optimismus. Sie dachten, wie viele andere, dass uns das Internet freier machen würde, gleichberechtigter. Wie groß ist Ihre persönliche Enttäuschung darüber, dass es ganz anders gekommen ist?
Rushkoff
1994 sah ich bereits den Anfang vom Ende. Mein erstes Buch hieß „Cyberia. Leben in den Schützengräben des Cyberspace“. Ich schrieb darüber, wie Technologien uns die Möglichkeit geben könnten, das kollektive kreative Potenzial der Menschheit zu entfesseln. Aber selbst damals schrieb ich, dass sich dieses Zeitfenster schnell schließen werde. Denn je mehr Geld ins Internet investiert wird und je mehr Menschen darauf wetten, desto eher werden die kreativen Möglichkeiten des Netzes zerschlagen.
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Als sich Festwochen-Chef Milo Rau schließlich gezwungen sah, seine groß angekündigte Debatte mit dem demokratiefeindlichen Tech-Apokalyptiker Peter Thiel abzusagen, war dies nur der finale Akt eines außer Kontrolle geratenen Planspiels. Schlechter hätte es nicht laufen können.
Wer keine eigene Technologie baut, wird von fremder Technologie regiert und ist den Ideen verrückter Tech-Oligarchen unterworfen. Bitte Brüssel, mach noch ein paar Regeln!