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Antichrist und Apocalypse: Wie die Tech-Bros die Welt neu programmieren
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Wolfgang Palaver hat schon einiges mit Peter Thiel erlebt. Er besuchte ihn zu Hause in Los Angeles, führte bei Konferenzen spitzfindige Konversationen mit ihm – und ließ sich widerwillig auf die Bedingung ein, das Thema Geld beim Abendessen mit dem Milliardär strikt zu vermeiden. Thiel ziehe es vor, „inspirierende“ Gespräche zu führen.
Seit 30 Jahren kennt der katholische Theologe aus Tirol den deutsch-amerikanischen Unternehmer Peter Thiel bereits. Eine Freundschaft sei es nicht, sagt Palaver, wohl eher eine Bekanntschaft, etwa zehn Mal habe er Thiel in diesen drei Jahrzehnten getroffen.
Am Freitag vergangener Woche sitzt Palaver in einem Hinterzimmer des Wiener Odeon-Theaters und erklärt im profil-Interview sein komplexes Verhältnis zu einem Mann, dessen „extremen Libertarismus“ er für „hochproblematisch“ hält. Für die Wiener Festwochen hätte Palaver dieser Tage eine Gesprächsveranstaltung mit Thiel abhalten sollen. Festivalchef Milo Rau hatte den schwerreichen Apokalyptiker eingeladen – und sich damit einen Shitstorm eingehandelt, mit dem offenbar nicht einmal der Provokationsprofi Rau gerechnet hatte.
Komplexes Verhätnis
Der Theologe Wolfgang Palaver kennt Peter Thiel seit 30 Jahren. Dessen „extremen Libertarismus“ hält er für „hochproblematisch“.
Theatralische Tribunale, Kongresse und Prozesse sind Teil der Arbeit des Regisseurs und seit Raus Amtsantritt in Wien 2024 auch eine tragende Komponente seines Festivalprogramms: Im Rahmen para-juristischer Inszenierungen lässt er auf offener Bühne virulente Themen und mediale „Aufreger“ verhandeln, gerne von Menschen mit möglichst starken, aber sehr unterschiedlichen, nicht selten krausen Thesen – je konträrer die Meinungen, desto turbulenter die Diskussion. Ex-AfD-Ideologin Frauke Petry war 2024 auch schon bei Milo Rau zu Gast.
Heuer waren er und sein Dramaturgie-Team eben auf die Idee gekommen, Thiel einzuladen, um dessen religionspolitischen Extremismus öffentlich zur Debatte zu stellen, passend zum Festivalgeneralthema 2026 („Republic of Gods“). Und in dieser Causa stieß Rau erstmals an die Grenzen seiner Konfrontationslust. Wegen des starken Gegenwinds, der ihm in den sozialen Medien und, entscheidender noch, vonseiten einiger Kunstschaffender seines Festivals entgegenschlug, wuchs sich die Programmidee zur Bedrohung aus: Was, wenn kulturelle Gatekeeper und die eigene Klientel beschließen, die Festwochen wegen Thiel zu boykottieren?
Tatsächlich sucht Peter Thiel, der Antidemokrat, Apokalyptiker und Verschwörungstheoretiker, die Disruption, das Ende der „Wokeness“ und der Diversität, er befürwortet die absolute Regulierungslosigkeit in Sachen Steuern, Gesundheitswesen und KI, unterstützt daher einflussreiche Sozialnetzwerkzerstörer wie Donald Trump und J.D. Vance mit Millionen.
Peter Thiel ist nicht der einzige Tech-Milliardär mit antidemokratischer Gesinnung. Doch er ist einer der einflussreichsten.
Kapitalismus auf Steroiden
Die libertären Rechtsaußen-Ansichten der Tech-Bros wären nicht mehr als größenwahnsinnige, abstruse Ideen, wenn sie nicht so machtvoll wären. Milliardäre wie Peter Thiel (Palantir), Elon Musk (Tesla, SpaceX) und Larry Page (Google) wollen nicht nur Geld verdienen, sondern in die Politik eingreifen und unser Leben verändern.
Als einziger Tech-Milliardär unterstützte Thiel schon Donald Trumps ersten Wahlkampf bei der Präsidentschaftskandidatur 2016, und US-Vizepräsident J.D. Vance würde ohne Thiel, der ihn mit Millionensummen förderte und protegierte, heute nicht im Weißen Haus sitzen. Elon Musk wiederum unterstützt aktiv rechtspopulistische und rechtsextreme Kräfte in Europa, darunter die AfD in Deutschland und Nigel Farage in Großbritannien. Mit seinem Unternehmen Space X dominiert er die Raumfahrt; westliche Staaten, die Raketen oder Satelliten ins All schießen wollen, allen voran die USA, kommen an ihm kaum vorbei. Musk ist nicht mehr nur der schrullige Milliardär, als der er lange wahrgenommen wurde; er greift ganz direkt in die Geopolitik ein – und kann etwa der Ukraine mit dem Entzug des Satelliteninternets drohen.
Die Tech-Bros kontrollieren soziale Medien, Spionagesoftware und Satellitennetzwerke. Sie sammeln unsere Daten und steuern unser Konsumverhalten. Amazon-Chef Jeff Bezos will Millionen Menschen auf Weltraumstationen übersiedeln, SpaceX-Gründer Elon Musk Kolonien auf dem Mars gründen, Peter Thiel träumt vom Weltuntergang. Sie wollen eine neue, vermeintlich bessere Gesellschaft ohne staatliche Kontrolle. Sie glauben an die Überwindung von Tod und Krankheit, an die Optimierung der menschlichen Spezies durch Technologie („Transhumanismus“), eine Neugründung der Menschheit im Weltall („Multi-Planetare Spezies“), und sie streben eine Art Herrschaft der CEOs an, einen Kapitalismus auf Steroiden, in dem die Bürgerinnen und Bürger nichts mehr zu sagen haben.
Wenn es um libertäres Denken geht, liegt eine Autorin besonders nahe: Ayn Rand. Palaver kennt ihre Schriften gut und bringt sie mit Thiel in Verbindung. „Rand wendet sich vehement gegen die katholische Soziallehre, die sie als Abgesang an die Menschheit verstand“, sagt er. „Natürlich: Der radikale Individualismus ist nicht lebensfähig und anthropologisch falsch, weil wir ohne Beziehung zu anderen ja alle krepieren würden.“
Demokratische Grundsatzdebatten habe er mit Thiel bislang übrigens kaum geführt, meist ging es um Theologie und den französischen Religionswissenschafter René Girard, „unseren gemeinsamen Bezugspunkt“, und etwa um den Nazi-Theoretiker Carl Schmitt, über den Palaver einst habilitierte. In der Debatte über Thiels Weltbild würden aber „die falschen Kurzschlüsse gezogen: Schmitt und Thiel, das ist eben nicht dasselbe“, sagt Palaver. „Ayn Rand kritisiert alles Kollektive, sie sagt, Kirche, Religion, Staat würden das Individuum für ihre Interessen opfern, ohne mit der Wimper zu zucken. Und Thiel ist in dieser Frage näher bei Ayn Rand als bei Schmitt.“
Ich denke nicht mehr, dass Demokratie und Freiheit miteinander kompatibel sind.
Peter Thiel
2009 in seinem Essay „Die Erziehung eines Libertären“
Als Palaver Thiel kennenlernte, war dieser noch kein Milliardär, nur ein junger Mann mit großen Plänen. Peter Thiel, geboren 1967 in Frankfurt am Main, aufgewachsen in den USA und in Südafrika, ist mit seinem Bezahldienstleister PayPal reich geworden. Heute betreibt er mit Palantir Technologies eines der einflussreichsten – und umstrittensten – Unternehmen im Bereich der Datenanalyse. Die israelischen Streitkräfte (IDF) arbeiten seit Beginn des Gazakrieges verstärkt mit Palantir zusammen, und für die USA sind dessen Dienste mittlerweile unverzichtbar, kommen auch im Krieg mit dem Iran massiv zum Einsatz. Der US-Einwanderungsbehörde ICE hilft die Palantir-Software bei der Abschiebung von Familien, und in Deutschland nutzen bereits drei Bundesländer Palantir zur Verbrechensbekämpfung.
Unter den Tech-Bros des Silicon Valley gilt Thiel als Vorbild, als einer, der es aus eigenem Antrieb geschafft hat und mit seinen Technologien die Welt verändert. Seine Gegner halten ihn für gefährlich. Der 58-Jährige vertritt radikal libertäre, antidemokratische Ideen, darunter die Überzeugung, dass eine Welt ohne staatliche Kontrolle besser funktionieren würde. In seinem Essay „Die Erziehung eines Libertären“ schrieb Thiel 2009: „Ich denke nicht mehr, dass Demokratie und Freiheit miteinander kompatibel sind.“ Er sei „gegen räuberische Steuern, totalitäre Kollektive und die Ideologie der Unausweichlichkeit des Todes“.
Den Tod glaubt Thiel durch Technologie überwinden zu können, den „sozialen Demokratien“ will er durch die Gründung einer neuen Gesellschaft entkommen. Diese Tech-Utopie soll auf künstlichen Inseln im Meer („Seasteading“) umgesetzt werden – oder, nach der Zerschlagung bestehender Systeme, gleich zur Grundlage einer fundamentalen Neuordnung werden.
Thiel träumt von einer Art CEO-Monarchie, einer von einem Tech-Diktator angeführten Gesellschaft, einem Kapitalismus ohne Staat. Angetrieben wird seine Sehnsucht nach einer abgeschotteten Utopie von der Angst vor – oder dem paradoxen Verlangen nach – dem Weltuntergang. Thiels Biograf Max Chafkin ist überzeugt, dass er sich nicht nur auf die Apokalypse vorbereitet, sondern sogar versucht, den Kollaps zu beschleunigen. Zu dieser Ansicht gelangt auch der Medienwissenschaftler Douglas Rushkoff in seinem Buch „Survival of the Richest“: Ende der 2010er-Jahre habe Thiel rechtsextreme Gruppen finanziert, radikale Kandidaten für politische Ämter unterstützt und die Alt-Right-Bewegung im Internet gefördert.
Auch Rushkoff hält Tech-Milliardäre wie Peter Thiel für äußerst gefährlich. „In ihrer Welt gilt das Recht des Stärkeren“, sagt er im Interview mit profil. Ihr Ziel sei es, der Zivilisation zu entkommen, die sie selbst zerstört hatten.
In Neuseeland kaufte Thiel Grundstücke, wo er nach dem Ende der Welt die Gründung einer neuen Gesellschaft plant. Zu den Auserwählten gehört offenbar Open-AI-Chef Sam Altman. Er verriet dem Magazin „New Yorker“, dass er im Fall eines Systemkollapses wie einer Pandemie, dem Angriff einer außer Kontrolle geratenen KI oder einem Atomkrieg mit Thiel vereinbart habe, zu ihm nach Neuseeland zu fliegen.
Zuletzt reiste Thiel durch die USA und Europa, um in einer Reihe klandestiner Vorträge über „Antichrist und die Apokalypse“ zu referieren. Als Antichrist betrachtet Thiel eine Art Weltregierung, die bevorstehende Katastrophen nutzen würde, um die globale Herrschaft an sich zu reißen – und die dann alles regulieren, besteuern und kontrollieren würde. Ein Alptraum für den Tech-Milliardär, der Staaten am liebsten ganz abschaffen würde.
Palaver sieht das ein wenig anders: Mit Palantir habe Thiel viel staatliches Geld verdient. Er habe als Libertärer begonnen und wollte mit PayPal ursprünglich staatliche Steuersysteme unterlaufen. „Mit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 sah er dann aber, dass es ganz ohne Staat auch nicht geht. Daher ist seine Position heute: Es braucht ein bisschen Staat, um Sicherheit zu gewährleisten.“
CEO-Monarchie statt Demokratie
Peter Thiel mag die bargeldlose Bezahlung und die Datenanalyse revolutioniert haben, in der Ideengeschichte der Tech-Bros ist er alles andere als ein Pionier. Beeinflusst wurden Thiels Thesen vom rechtsextremen Blogger und Software-Entwickler Curtis Yarvin. Unter dem Pseudonym Mencius Moldbug formulierte dieser bereits in den Nullerjahren das Gedankengut der „Dunklen Aufklärung“: Staaten sollten in private Aktiengesellschaften umgewandelt und von Geschäftsführern absolutistisch regiert werden. Demokratie bezeichnet Yarvin als Codefehler, in der Welt der „CEO-Monarchen“ sind die Bürger Kunden. Der Raubtierkapitalismus wird zur Regierungsform.
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Rechtsextremer Vordenker der Tech-Bros
Blogger und Softwareentwickler Curtis Yarvin: Demokratie als „Codefehler“.
Im Silicon Valley erfreute sich Yarvins Blog großer Beliebtheit, und schnell zählten Tech-Pioniere wie Thiel zu seinen guten Freunden. Anno 2014 war Thiel dies noch unangenehm. „Wie gefährlich ist es, dass man uns miteinander in Verbindung bringen kann?“, fragte er Yarvin damals in einer E-Mail. Heute sind die engen Kontakte zwischen Yarvin und den Eliten in Silicon Valley und in Washington kein Geheimnis mehr. Etliche Tech-Bros haben seine Ideen in ihr Weltbild integriert, und auch die Trump-Regierung nimmt Anleihen an dem rechtsextremen Vordenker.
Im Jahr 2015 stellt Thiel seinen Freund Yarvin einem seiner Mitarbeiter vor: dem heutigen US-Vizepräsidenten J.D. Vance.
Im rechts-reaktionären Podcast „Jack Murphy Live“ griff Vance 2021 eine Idee Yarvins auf, als er verschlug, eine künftige Trump-Regierung solle „jeden einzelnen Beamten im Verwaltungsapparat entlassen und durch unsere Leute ersetzen“. Unter dem Titel „RAGE – Retire all Government Employees“ (Schickt alle Beamte in die Pension) hatte Yarvin die Zerschlagung der Verwaltung bereits 2011 beworben.
Als Tech-Milliardär Elon Musk ebendies in Trumps zweiter Amtszeit unter dem Akronym DOGE (Department of Government Efficiency) versuchte, ging es Yarvin nicht weit genug. Der Blogger will den Staat nicht umbauen, sondern gleich ganz abschaffen. Musks DOGE bezeichnete er als „Orchester von Schimpansen, die versuchen, Wagner zu spielen“.
Annual Conservative Political Action Conference (CPAC)
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Annual Conservative Political Action Conference (CPAC)
Auch für Thiel sind die Bürokraten in Washington Relikte aus einem alten System, das zerschlagen werden muss. Staatliche Eingriffe und Regulierungen, argumentiert Thiel, hemmen technologische Innovationen und blockieren den Fortschritt. Tech-Bros wie Thiel, Musk und Bezos sind geprägt von den Science-Fiction-Visionen der Popkultur, und sie sind enttäuscht darüber, wie wenig davon die heutige Welt zu bieten hat. Ein Beispiel dafür ist das gescheiterte „Metaverse“ Mark Zuckerbergs. Der Facebook-Gründer glaubte lange daran, dass seine Zukunftsvision von einer virtuellen 3D-Realität die nächste Ebene der Internet-Plattformen werden würde. Doch das Vorhaben floppte – und der Konzern machte seine „Horizon Worlds“ dicht.
Der „Niedergang der Zukunft“, so Thiels Überzeugung, habe mit der Ölkrise von 1973 begonnen, und seither herrsche eine „technologische Flaute“. „Wir wollten fliegende Autos, stattdessen bekamen wir 140 Zeichen“, lautet Thiels berühmtes Lamento aus dem Jahr 2005, mit der er sarkastisch auf den Kurznachrichtendienst Twitter anspielte.
Rechtsruck im Silicon Valley
Geht es nach Thiel, muss sich Grundlegendes ändern. Bevor Trump 2017 zum ersten Mal ins Weiße Haus einzog, stellten Thiels Leute eine Liste von Wunschkandidaten für die neue US-Regierung zusammen, die das vermeintlich fortschrittsfeindliche System von innen zerstören sollten. Als Wissenschaftsberater des Präsidenten schlug Thiel den Physiker William Happer vor, einen Klimaleugner, der behauptete, „das Schlechtreden von Kohlenstoffdioxid“ sei „wie die Dämonisierung der Juden unter Hitler“.
Die Kastration Deutschlands und Japans nach dem Krieg muss rückgängig gemacht werden.
Aus einem Manifest es Palantir-Chefs Alex Karp
2017 waren Thiels Vorschläge Trump noch zu radikal, am Ende kamen nur etwa ein Dutzend von 150 Kandidaten in der neuen Administration unter. Doch in Trumps zweiter Amtszeit sind ehemalige Außenseiter mit extremen Ansichten wie Gesundheitsminister Robert Kennedy Jr., der nicht an die moderne Medizin glaubt, und die Geheimdienstchefin Tulsi Gabbard, die gute Kontakte zu Moskau pflegte, wie selbstverständlich Teil der Regierung.
Die Welt der Tech-Bros ist mit der Trump-Regierung verschmolzen.
Das dürfte ganz im Sinne Palantirs sein. Das Unternehmen ist zum Dauerauftragnehmer der US-Regierung geworden. In einem Manifest mit 22 Punkten beschrieb Palantir-Chef Alex Karp im vergangenen April seine autoritäre Ideologie. Neben dem Ruf nach KI-Waffen und der Einteilung von Kulturen in „fortschrittliche“ und „schädliche“ befasst sich Karp auch mit dem Staat: Dessen Strukturen sollen so umgebaut werden, dass er als Auftraggeber für die Tech-Unternehmer erhalten bleibt. Deren Dienste werden unverzichtbar und dermaßen zentral für das Funktionieren der Infrastruktur, dass Staat und Tech-Unternehmen am Ende miteinander verschmelzen.
Und unter Punkt 15 steht: „Die Kastration Deutschlands und Japans nach dem Krieg muss rückgängig gemacht werden.“ Die Entmachtung Deutschlands sei „eine Überkorrektur, für die Europa nun einen hohen Preis zahlt“.
Sie wollen den Kapitalismus einsetzen, um den Schaden zu reparieren, der durch den, tja, Kapitalismus entstanden ist.
Douglas Rushkoff, Internet-Pionier und Medienwissenschaftler
Im Jahr 2026 ist dies im Silicon Valley keine Randmeinung mehr. Dort kam es in den vergangenen Jahren zu einem Rechtsruck, einem „vibe shift“, wie es der Tech-Pionier Mark Andreessen fast euphemistisch formuliert. In Gruppenchats tauschten sich Tech-Bros wie Andreessen mit Leuten aus Trumps Team und rechten Influencern aus. So wurde Elon Musk vom Unterstützer der Demokraten zum „Krieger“ gegen das „woke mind virus“, die politische Korrektheit.
In „Survival of the Richest“ beschreibt Douglas Rushkoff die gefährliche Ideologie der Tech-Milliardäre. Anstatt ihre Macht und ihr Geld für die Rettung des Planeten einzusetzen, träumten sie davon, sich durch Weltraumflug, Luxusbunker und das ewige Leben vom Rest der Menschheit zu isolieren. Das „Mindset“ der Tech-Bros, so Rushkoff, sehe politische und ökologische Krisen als bloße „Systemfehler“, die durch noch mehr Technologie gelöst werden könnten: „Sie wollen den Kapitalismus einsetzen, um den Schaden zu reparieren, der durch den, tja, Kapitalismus entstanden ist“.
Die Tech-Bros reduzieren Natur und Mensch auf Daten, die Welt teilen sie in Herrscher und Beherrschte. Jenes Mindset bevorzuge einzelne reiche Individuen, „die Technologie nutzen, um sich von anderen abzuheben“, schreibt Rushkoff. Es setze „auf geradlinigen Fortschritt und unendliche Expansion“ jenseits der realen Welt.
Die Religion der Nerds
„Alles besteht aus Daten, alles hat einen Preis, und alles kann vermehrt werden“, fasst Medienwissenschaftler Douglas Rushkoff das Denken der Tech-Bros zusammen. „Das beschriebene, kodifizierte Objekt ist das Einzige, was zählt; alles andere bleibt auf der Strecke wie überflüssige DNA, minderwertige Spezies oder die Mehrheit der menschlichen Wesen.“
Für Google-Mitgründer Larry Page etwa ist die menschliche DNA nichts weiter als „600 Megabyte komprimiert“, wie er 2007 in einer Rede ausführte.
Wie Musk ist Page überzeugt, dass die Menschheit das Weltall besiedeln müsse, wie Thiel glaubt er nicht an den Tod. Doch anders als Thiel, der seinen Körper nach dem Ableben einfrieren lassen möchte, damit er zu einem späteren Zeitpunkt wiederbelebt werden kann, glaubt Page daran, dass der Mensch in digitaler Form weiterleben kann – durch das Hochladen seines Bewusstseins in die Cloud. Der Mensch als digitales Wesen, das ist für Page der nächste logische Schritt der „kosmischen Evolution“. „Alles besteht aus Daten, alles hat einen Preis, und alles kann vermehrt werden“, fasst Rushkoff das Denken der Tech-Bros zusammen. „Das beschriebene, kodifizierte Objekt ist das Einzige, was zählt; alles andere bleibt auf der Strecke wie überflüssige DNA, minderwertige Spezies oder die Mehrheit der menschlichen Wesen.“ Das sei die Religion der Nerds.
Mit dem Christentum hat der Glaubenskanon der Tech-Bros wenig zu tun. Das Versprechen ist vielmehr ein vom Menschen geschaffener Gott in Form einer künstlichen Intelligenz. Erlösung und Auferstehung erfolgen durch Technologie: Alter und Krankheiten werden beseitigt, der Mensch ist unsterblich, die Spezies physisch und intellektuell optimiert, und am Ende steht die Reise ins Weltall.
Der digitale Mensch
Für Google-Mitgründer Larry Page etwa ist die menschliche DNA nichts weiter als „600 Megabyte komprimiert“. Um ewig zu leben will er sein Bewusstsein in die Cloud hochladen.
Tech-Bros wie Elon Musk, Larry Page, Jeff Bezos und Mark Zuckerberg glauben an den sogenannten Transhumanismus, die Optimierung des Menschen durch Technologie, und an das Konzept des Longtermismus, das der fernen Zukunft der Menschheit oberste Priorität einräumt. Um den optimierten Menschen der Zukunft zu garantieren, ist in der Welt von heute alles erlaubt.
Es geht um große Zeiträume – und um große Ideen. Nur: Was wird in den Science-Fiction-Fantasien der Tech-Milliardäre aus den normalen Erdbewohnern? Sie kommen nicht vor. Im Mindset der Tech-Bros sei die Menschheit im Larvenstadium, sagt Rushkoff: „Die meisten von uns sind Maden, die auf dem Misthaufen Erde leben.“ Für diese Leute sei es moralisch in Ordnung, die unterentwickelten Menschen zurückzulassen, denn die optimierte Spezies der Zukunft hätte Vorrang.
Das Schlimmste, was den Tech-Bros passieren könne, sei, dass wir ihre Pläne durchschauen, glaubt Rushkoff. Voraussetzung dafür ist, dass wir uns mit ihren Ideen befassen. Rushkoff hätte gerne gehört, was Thiel in Wien gesagt hätte: „Es wäre eine Gelegenheit für Künstler und Denkerinnen gewesen, einzugreifen, ihm zu begegnen, mit ihm als Menschen in Kontakt zu treten.“
Protest gegen „aktive Faschisten“
Milo Rau hat sich und den Wiener Festwochen nichts Gutes getan mit seinem Schlingerkurs in Sachen Thiel. Er hatte sich, bereits angeschlagen von den heftigen Auseinandersetzungen um seinen letztjährigen israelkritischen offenen Brief, in einem Rückzugsgefecht verfangen: Am Ende konnte er aufgrund des gewaltigen Gegendrucks nicht mehr anders, als die Thiel-Veranstaltung zu canceln. Denn die Boykottkampagne gegen sein Festival lief auf Hochtouren, und sie hätte den Ausfall von kolportiert vier Produktionen der laufenden Festwochen bedeutet, einen Verlust von wohl mehreren Hunderttausend Euro. Der französische Philosoph Geoffroy de Lagasnerie hatte sich öffentlich distanziert, er schrieb, man könne faschistische Umtriebe nicht bekämpfen und Widerstandsstrategien entwickeln, wenn dort, wo man dies tun wolle, zugleich auch einer der „aktivsten Faschisten“ eingeladen sei.
PK WIENER FESTWOCHEN: RAU
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PK WIENER FESTWOCHEN: RAU
Festwochen-Chef Milo Rau
Rückzugsgefecht nach Protest über die Einladung Peter Thiels
Es wäre dennoch kein Tabubruch gewesen, mit Peter Thiel in eine konfrontative Auseinandersetzung zu gehen. Der Mann tritt immer wieder öffentlich in Szene, der „New York Times“ etwa stand er für einen ausführlichen Podcast zur Verfügung. Allerdings hätte die geplante Diskussion sehr gut vorbereitet und absolviert werden müssen, um dem Religions- und Sozialschwurbler Thiel nicht auf den Leim zu gehen.
Die „Normalisierung“ eines Tech-Verschwörers, die viele in einer solchen Einladung sehen, wäre nur dann gegeben, wenn dessen demokratie- und menschenfeindliche Äußerungen unwidersprochen blieben. Aber öffentlich vorzuführen, wie ein superreicher und ultramächtiger Unternehmer, der in unser aller Leben eingreift, verfasst ist, wie er reagiert, woran er glaubt und was er formuliert, muss legitim bleiben.
Alldem liegen letztlich heikle Fragen zugrunde: Wem nützt es, den rechten und rechtsextremen Mächtigen das Forum zu verweigern, das sie anderswo ohnehin haben? Und ist es wirklich sinnvoller, sich von brandgefährlichen Entscheidungsträgern kein eigenes Bild machen zu können, weil man sie damit „aufwerten“ würde? Dass die Welt nicht davon profitiert, wenn man jene, die über die Grundbedingungen unseres Zusammenlebens mitbestimmen, ignoriert, verdrängt oder beschweigt, darf als erwiesen gelten.
Peter Thiel vertritt keinen Transhumanismus, der die Körperlichkeit aufgibt.
Wolfgang Palaver
Theologe
Der Thiel-Auftritt wäre die Chance gewesen, ihn zu seinen Glaubenswidersprüchen zu befragen. Einerseits inszeniert sich Thiel als gottesfürchtig, stellt sich aber auch mit Gott gleich, indem er den Tod zu umgehen sucht. Palaver meint, dass Thiel sich der Sündenhaftigkeit dieser Idee durchaus bewusst sei. Allerdings: „Peter Thiel vertritt keinen Transhumanismus, der die Körperlichkeit aufgibt.“ Sein Vorhaben, sich nach dem Tod konservieren zu lassen, bedeute ja auch, so Palaver, dass er „dem Körper treu bleiben“ wolle.
Vom indischen Vordenker Mahatma Ghandi, der einst meinte, dass die Menschen dazu bestimmt seien, 125 Jahre alt zu werden, habe Thiel nichts wissen wollen. Palaver, der auch zu Ghandi forscht, hat den Unternehmer im Rahmen einer Konferenz darauf angesprochen.
„Ghandi sagte: 125 Jahre, aber für ein Leben im Dienst an den anderen. Ich wollte Thiel die soziale Dimension nahebringen, die Gandhi betont hat. Und er hat dann nur gesagt: ‚Gandhi mag ich nicht.‘“ Womöglich wäre es doch besser gewesen, über Geld zu sprechen.
Siobhán Geets
ist seit 2020 im Außenpolitik-Ressort und seit 2025 stellvertretende Ressortleiterin. Schwerpunkt: Europa und USA.
Stefan Grissemann
leitet seit 2002 das Kulturressort des profil. Freut sich über befremdliche Kunst, anstrengende Musik und waghalsige Filme.