Martin Kušej

Martin Kušej

© Lukas Beck

Kultur
05/14/2022

Ein ehrenwertes Haus: Wie steht es um das Burgtheater unter Kušej?

Die Stimmung am Burgtheater hat unter Direktor Martin Kušej gelitten. Auch ästhetisch schwächelt Österreichs bedeutendste Bühne. Zwischenbilanz einer Ära, die nicht in Schwung kommt. [E-Paper]

von Karin Cerny

Es ist halt einfach beruhigend, wenn der Chef in einer Krise persönlich zu einem spricht. Während der Pandemie erklang die Stimme von Burgtheater-Direktor Martin Kušej vor jeder Vorstellung – vom Tonband. Man möge sich auch aus Solidaritätsgründen impfen lassen und während der gesamten Vorstellung eine FFP2-Maske tragen, selbst wenn gerade nur OP-Masken verpflichtend seien. Der Leiter einer großen Kulturinstitution hatte sich damit deutlich positioniert. Und vorbildlich ein Zeichen gesetzt.

Szenenwechsel: Im Oktober 2021 wurde der Christine-Lavant-Preis in einem feierlichen Festakt an die Kärntner Autorin Maja Haderlap vergeben. „Wissen Sie, wer ich bin, oder wissen Sie es nicht?! Ich bin der Intendant!“, schnauzte Kušej einen überforderten Studenten an, der die 3G-Nachweise kontrollieren wollte – und stürmte ohne Maske in den Saal. Auf Anweisung einer Aufsichtsperson meinte Kušej, er habe keine Maske. Beobachtet und aufgezeichnet hat diesen peinlichen Auftritt die Germanistin Daniela Strigl in ihrer Kolumne in der „Furche“.

Kušejs irritierendes Verhalten lässt sich so zusammenfassen: Wasser predigen und Wein trinken. Halbherzigkeit prägt Kušejs Gesamtperformance am Burgtheater. Auf große Worte folgen lahme Aktionen. Ein weiteres Beispiel: Das Burgtheater brüstet sich damit, dass aktuell auch ohne Quote mehr Frauen als Männer inszenieren. Als bei der Programmpressekonferenz für die kommende Saison der „Kurier“-Journalist Thomas Trenkler nachhakte, warum Frauen hauptsächlich in den kleinen Spielstätten zugange sein müssten, während der Chef nur im großen Haus arbeite, antwortete Kušej tatsächlich, die große Bühne müsse man eben „schaffen können“. Allzu weit ist das nicht mehr von Frank Castorfs sexistischem Sager entfernt, nach dem Frauenfußball halt einfach nicht so gut sei wie sein männliches Pendant. Kušej betonte zwar, in Zukunft sähe diese Bilanz wahrscheinlich anders aus. Bloß: Warum nicht schon heute? Männliche Regiekräfte scheitern ja auch immer wieder großspurig am Burgtheater.

Der gebürtige Kärntner Martin Kušej, 60, ist 2019 angetreten, um Österreichs Nationaltheater weltoffener und vielsprachiger zu machen. Die Burg sollte  eine europäische Bühne werden. Aber wie ernst nimmt es Kušej tatsächlich mit der Diversität? Antworten finden sich in dem gerade erschienenen Buch „Hinter mir weiß“, in dem der Theatermacher auf seine Karriere zurückblickt. Kušej hält darin ein flammendes Plädoyer für die Öffnung der Bühnen, um gesellschaftliche Entwicklungen abbilden und analysieren zu können. „Auch das Burgtheater hat lange Zeit die Diversität unserer Stadt nicht wahrgenommen“, schreibt er, um im nächsten Moment zu betonen: Jeder müsse alles darstellen dürfen, sonst führe dies zum Ende des Theaters. Genau dieses naive Argument verdeckt in Diskussionen meist, dass vor allem weiße, heterosexuelle Cis-Schauspieler ständig alles spielen und zum Beispiel Trans-Personen deshalb einfordern, dass sie zumindest ihre eigene Geschichte erzählen können – auch um einen Fuß ins Theater zu bekommen und irgendwann dann ebenfalls „alles“ spielen zu dürfen. An Kušejs Haltung zeigt sich ein grundlegendes Problem vieler Kunstinstitutionen: Es reicht nicht, Menschen mit anderer Sprache, Herkunft und Hautfarbe zu beschäftigen und laut Diversität zu proklamieren. Man muss Leuten zuhören, Diskurse zu Ende denken, statt sie sich routiniert auf die Fahne zu heften. Das Burgtheater möchte moderner sein, als es de facto ist.

Die Stimmung am Burgtheater sei unter Martin Kušej, so hört man, wenn man Insider dazu befragt, erstaunlich schlecht; der Chef soll nach wie vor am Haus kaum präsent sein. Im vergangenen Oktober legte er bei laufendem Spielbetrieb eine Segeltour in Griechenland ein – ein klares No-Go. Auf profil-Anfrage antwortet Kušej: „Ich bin präsent, und es ist richtig, dass ich sechs Tage an einer Charity-Regatta teilgenommen habe. Das war eine Meeresschutzaktion einer Umweltschutzstiftung, bei der vor allem Schauspielerinnen und Schauspieler aus dem Film- und Fernsehbereich anwesend waren. Ich war bereits das fünfte Mal bei einem solchen Törn dabei.“

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