Eine Umfrage unter Tausenden Europäern zeigt, wie sich der Kontinent von Trumps Amerika abwendet.

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In den eineinhalb Jahren, die Donald Trump im Weißen Haus sitzt, hat er schon einiges kaputt geschlagen. Der US-Präsident ist launisch und unberechenbar, und das hat Folgen für die ganze Welt. Schon in seiner ersten Amtszeit versuchten Experten und Journalisten, aber auch Trumps Verbündete und Gegner, Muster im Verhalten des US-Präsidenten zu erkennen. Was wird Trump als Nächstes tun? Welche Strategie verfolgt er? Und wie geht man am besten mit ihm um? Je länger Trump im Amt ist, desto klarer wird: Antworten auf diese Fragen zu finden, ist wie der Versuch, die Zukunft aus dem Bodensatz einer Kaffeetasse zu lesen. Was an einem Tag gilt, kann am nächsten schon wieder ganz anders sein. Wenn es in Trumps Handeln so etwas wie ein wiederkehrendes Motiv gibt, dann ist es die Kehrtwende.

Das erratische Verhalten des US-Präsidenten hat viel Schaden angerichtet. Trump hat ohne Plan und Voraussicht einen Krieg gegen den Iran begonnen. Er hat sich mit dem Papst, mit engen Verbündeten und mit Teilen seiner eigenen MAGA-Bewegung angelegt. Europa droht er mit dem Abzug der US-Truppen, mit der Annexion Grönlands, mit Wucherzöllen und dem Austritt aus der NATO. Trump sucht gezielt nach Schwächen und nutzt sie aus. Er mobbt, zetert, droht und schimpft.

Daraus hat Europas Bevölkerung offenbar ihre Schlüsse gezogen. Der Thinktank European Council on Foreign Relations (ECFR) hat im Mai rund 19.400 Menschen in 15 EU-Mitgliedstaaten unter anderem zu ihrer Sicht auf die USA befragt. Nur elf Prozent sehen Trumps Amerika noch als Verbündeten. Im Jahr 2024 waren es noch doppelt so viele, vor einem halben Jahr immerhin noch 16 Prozent. Die Hälfte der Befragten sieht die USA nur noch als „notwendigen Partner“ und nicht mehr als „Alliierten“; ein Viertel betrachtet Amerika gar als „Gegner“ oder „Rivalen“. In allen 15 Ländern ist eine Mehrheit überzeugt, dass die USA ihnen im Falle eines militärischen Angriffs nicht helfen würde. In Österreich glauben nicht einmal 15 Prozent daran, dass die USA das Land im Kriegsfall verteidigen würden. Geringer ist das Vertrauen nur in Spanien.

Die vergangenen eineinhalb Jahre haben gezeigt, dass es nichts bringt, Trump zu schmeicheln oder vor ihm zu buckeln.

Offenbar hat die Bevölkerung Europas Trump gut zugehört. Der US-Präsident stellte die NATO-Beistandspflicht immer wieder infrage. Staaten, die in seinen Augen zu wenig in Verteidigung investierten, erklärte er schon vor Jahren, er würde Russland „ermutigen“, sie anzugreifen. Gegenüber säumigen NATO-Mitgliedern werde er Moskau „tun lassen, was es will“. Und zu Beginn seiner zweiten Amtszeit sagte Trump, die USA würden NATO-Staaten nicht verteidigen, „wenn sie nicht zahlen“.

Die vergangenen eineinhalb Jahre haben gezeigt, dass es nichts bringt, Trump zu schmeicheln oder vor ihm zu buckeln. Was hilft, sind klare Worte, Konsistenz und der Zusammenschluss mit gleichgesinnten Staaten. Als Frankreich, Deutschland, Schweden und die Niederlande nach den Annexionsdrohungen aus Washington kleine Truppenkontingente nach Grönland schickten, entschärfte Trump seine Rhetorik. „Europa müsste dem Mobber Trump endlich die Stirn bieten“, sagte der Politologe Jeremy Shapiro kürzlich zur deutschen Wochenzeitung „Die Zeit“. Shapiro ist Forschungsdirektor des ECFR und hat lange für das US-Außenministerium gearbeitet. Europa könne sich nicht mit Trump arrangieren, sagt er, sondern nur gegen ihn wappnen.

Die Umfragen in 15 Ländern zeigten, dass die Bevölkerung Europas mehr Unabhängigkeit will, heißt es im Bericht des ECFR. Ihre Regierungen würden sie daran messen, welche konkreten Maßnahmen dafür gesetzt werden. In der sicherheitspolitischen Debatte sehen die Autoren Parallelen zu der Komödie „Kevin – Allein zu Haus“. Im Film bleibt der achtjährige Kevin versehentlich zu Hause zurück, doch anstatt zu verzweifeln, wehrt er sich mit Tricks und Fallen erfolgreich gegen Einbrecher. Ähnlich sei es im heutigen Europa: Die Menschen hätten die Notwendigkeit erkannt, sich selbst zu verteidigen und unabhängig zu werden, nun müssten die Regierungen diesem Wunsch Folge leisten. Sie sollten die Chance ergreifen und ihren politischen Spielraum nutzen, bevor er wieder verschwindet, so der Rat des ECFR: „Die Zeit läuft.“

Siobhán Geets

Siobhán Geets

ist seit 2020 im Außenpolitik-Ressort und seit 2025 stellvertretende Ressortleiterin. Schwerpunkt: Europa und USA.