© tropical.pete/Flickr.com/CC

profil-Morgenpost
05/02/2022

Gräten im Hals

Der Krieg in der Ukraine. Pandemie ohne Ende. Ab mit dem Kopf in den Sand?

von Wolfgang Paterno

Dieser Tage überfällt einen wieder verstärkt der Wunsch, eine Seescheide sein zu dürfen. Seescheiden? Das sind wundersame Ozeanwesen, die sich durchs Meer treiben lassen. Irgendwann stranden sie an einem Unterwasserort, der aus welchen Gründen auch immer zu passen scheint. Sofort beginnt das Geschöpf, sein eigenes Gehirn zu verdauen, wird mehr oder weniger zur Pflanze. Lebt hirnlos, zufrieden und glücklich dahin. Muss sich nicht mehr um Nachrichten aus dem Krieg mitten in Europa und Breaking News über die Pandemie kümmern. Steckt den sinnbefreiten Kopf einfach in den Sand des gnädigen Vergessens.

Diesen Montag bricht in der Ukraine der 67. Kriegstag an, Corona macht auch nur halbherzig Pause, und Willi Resetarits lebt nicht mehr. Wie soll man da nicht zur Seescheide werden wollen?

„In ein paar Monaten wird es einen Waffenstillstand geben“, notiert immerhin Hanno Loewy, der Direktor des Jüdischen Museums in Hohenems, in einer seiner stets lesenswerten Kolumnen in den „Vorarlberger Nachrichten“: „Putin wird einen Teil der Ukraine schlucken, die verbrannte Beute in ein paar Pseudokleinstaaten aufteilen, das Ganze als Sieg verkaufen. Und die Gräte wird ihm und Russland im Hals stecken bleiben, denn zurück führt kein Weg.“

Der Preis für die Trostworte der Woche gebührt konkurrenzlos Silvia Holzmüller aus Weyregg, die in der neuen profil-Online-Kolumne „Ist das nicht wunderbar“ von ihrem morgendlichen Arbeitsweg entlang des Attersees berichtet: „Wie ruhig alles ist – dem See ist das Chaos, das wir Menschen oft anrichten, völlig egal.“ Er liege einfach da und sei schön.

„Willi hatte ein enormes Talent zur Freundschaft“, schreibt schließlich Christian Seiler in seinem zu Herzen und zu Kopf gehenden Nachruf auf seinen alten Freund Willi Resetarits: „In seinen Umarmungen wusste man sich sicher und aufgehoben, für einen Moment mit einem Menschen verbunden, der dieses Land jetzt, nach seinem letzten, dramatischen Abschied, in einem besseren Zustand hinterlässt, als er es angetroffen hat.“

Es heißt ja immer, alte Mütter-und-Väter-Weisheit, irgendwann werde alles wieder gut. Seescheiden sehen das anders

Machen Sie das Beste aus diesem Montag!

Wolfgang Paterno