Graz-Wahl: Warum Kahr trotz Krise und knapper Kasse vorne liegt
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Elke Kahr braucht eine Pause. Das Büro der Grazer Bürgermeisterin hat dafür den richtigen Ort: Ein kleiner Balkon Richtung Herrengasse bietet Platz für einen Strauch, einen Plastikraben und sechs Aschenbecher. Kahrs schnelle Tschick zwischen Terminen sind im Rathaus Folklore.
Als in der Sammlung der Stadt ein Bild einer Zigarettenpackung aus Opatija gefunden wurde, brachten die Mitarbeiter das Kunstwerk direkt zur Bürgermeisterin. Seitdem hängt es neben kommunistischen Kalendern, künstlerischen Friedensbotschaften und bunten Kinderzeichnungen in Kahrs Büro.
Elke Kahr in ihrem Büro
© Juergen Fuchs/Jürgen Fuchs
Elke Kahr in ihrem Büro
Elke Kahr ist die erste Frau und die erste Kommunistin an der Spitze einer Landeshauptstadt. Und: Kahr wird bei der Grazer Gemeinderatswahl am 28. Juni wohl im Amt bestätigt. Umfragen prognostizieren ihrer KPÖ ein Plus bei der Wahl und einen deutlichen ersten Platz. Wie schafft die Kommunistin, woran andere Regierungsparteien in der Krise scheitern?
„Wenn ich über uns selbst rede, wirkt das befremdlich“, sagt die 64-Jährige gewohnt zurückhaltend: „In Wirklichkeit müsste man ganz normale Leute fragen.“ Kahr ist seit über vier Jahrzehnten in der KPÖ aktiv. 1993 zog sie in den Gemeinderat ein, übernahm 2005 das Stadtratsmandat von Ernest Kaltenegger und zog 2021 nach einem Erdrutschsieg als Bürgermeisterin ins Rathaus der zweitgrößten Stadt Österreichs ein.
Elke Kahr auf einem Balkon im Rathaus
© Juergen Fuchs/Jürgen Fuchs
Elke Kahr auf einem Balkon im Rathaus
„Wenn du über 30 Jahre politisch tätig bist, hattest du mit Zehntausenden Leuten persönlich Kontakt“, sieht Kahr einen Vorteil in ihrer langen politischen Karriere: „Und ich merke mir zwar Zahlen nicht gut, aber dafür Geschichten, Gesichter und Namen.“
Grazer Geschichten
An diesem Dienstag hört sich Kahr in ihrer regelmäßigen Sprechstunde sieben neue Geschichten an: „Bitte, wie kann ich behilflich sein?“, fragt die Bürgermeisterin, nimmt dann eine frische Karteikarte und notiert mit einem Kugelschreiber Name, Wohnort, Telefonnummer und das Anliegen. Eine junge Mutter findet keinen neuen Kindergartenplatz, weil sie Schulden bei der vorherigen Kinderkrippe hat. Ein Mann Mitte 40 sucht nach jahrelanger Arbeitslosigkeit einen Job. Eine Pensionistin braucht dringend eine Wohnung.
Die Frau bricht in Tränen aus, es ist noch keine 14 Tage her, dass der Delogierungswagen vor ihrer Tür stand: „Ich hatte 20 Minuten Zeit, um meine Sachen zu packen.“ Bis zum Tag vor der Delogierung habe sie nicht gewusst, dass ihr Mann die Miete nicht bezahlt habe. „Ich rede jetzt ganz nüchtern, damit Sie nicht so traurig sind“, sagt Elke Kahr und geht die Möglichkeiten der Pensionistin Schritt für Schritt durch. Die Frau braucht eine neue Bleibe und ihre gepfändete Kleidung zurück. Nach rund 25 Minuten ist alles erledigt: „Wir scheren uns um die Küche und die Kleidung“, sagt Kahr: „Wir kennen Ihren Vermieter gut.“ Und auch eine Pensionistenwohnung wird für die Frau gesucht.
Elke Kahr mit einer Grazerin bei ihrer Sprechstunde
© Juergen Fuchs/Jürgen Fuchs
Elke Kahr mit einer Grazerin bei ihrer Sprechstunde
Kahr geht ihre Sprechstunden methodisch an. Als ein 18 Monate altes Kleinkind seine Hand aus dem Kinderwagen in Richtung der Bürgermeisterin streckt, ergreift Kahr sie, ohne der Mutter ihre Aufmerksamkeit zu entziehen. Wieso die Alleinerzieherin keine Alimente beantrage, obwohl sie ihre Stromkosten nicht bezahlen könne, fragt Kahr: „Wollen Sie das nicht?“ Die junge Frau schüttelt den Kopf.
Kahr bohrt nicht nach, geht stattdessen staatliche Befreiungen und Unterstützungen durch, die der Mutter zustehen würden. „Sollen wir Ihnen bei den Anträgen helfen?“, fragt Kahr. Die Frau zögert kurz, sagt dann leise: „Ja, bitte.“ Einen Teil ihrer Stromkosten-Nachzahlung wird der „Graz hilft“-Fonds übernehmen. Den Rest zahlt die Bürgermeisterin selbst: „Das kommt aber erst im April“, sagt Kahr: „Im März habe ich nichts mehr.“ Wie alle Funktionärinnen und Funktionäre zahlt Kahr den Großteil ihres Gehalts in den Sozialfonds der Partei ein. Doch auch dieses Geld ist nicht unbegrenzt.
Elke Kahr bei einer ihrer Sprechstunden
© Juergen Fuchs/Jürgen Fuchs
Elke Kahr bei einer ihrer Sprechstunden
Mit einer anderen Frau macht Kahr gleich den nächsten Termin aus. Die Mutter von drei Söhnen arbeitet in der Nacht als Rezeptionistin, bringt in der Früh ihren Jüngsten in die Schule und schläft dann, bis sie das Mittagessen kocht – ab etwa 13 Uhr habe sie also Zeit für den nächsten Termin. Mehr als fünf Stunden Schlaf gehen sich da nicht aus.
Im Februar wurde der Vater ihrer Kinder stationär aufgenommen, daher erhält sie keinen Unterhalt mehr. Gleichzeitig trat das neue Sozialhilfegesetz in der Steiermark in Kraft, laut der blau-schwarzen Landesregierung das „strengste in Österreich“. „Einer vierköpfigen Familie bleiben damit rund 400 Euro weniger im Monat“, sagt Kahr, als sie auf ihrer Karteikarte das Einkommen der Familie zusammenrechnet: „Das hat die Landesregierung verschlechtert“. Es ist das einzige Mal, dass sie in diesen Gesprächen über die Politik spricht.
Nichtregierungs-Bürgermeisterin
In der Grazer Bevölkerung dürfte dieser Zugang gut ankommen: Laut einer Umfrage im Auftrag der „Kleinen Zeitung“ könnte die KPÖ bei der Gemeinderatswahl am 28. Juni auf rund 31 Prozent kommen – bei der letzten Wahl 2021 hatte die Partei noch 28,8 Prozent erreicht (siehe Grafik). Die ÖVP wäre laut dieser Umfrage mit rund 20 Prozent Zweiter. In Graz sind Umfragen mit besonderer Vorsicht zu genießen, Kahrs Wahlsieg vor fünf Jahren hatte niemand vorhergesagt. Dennoch ist die Beliebtheit der Kommunistin evident: In einer fiktiven Bürgermeisterinnen-Direktwahl würden rund 43 Prozent der Bevölkerung Elke Kahr wählen, zeigt die Befragung.
Dabei leiden auch die Grazerinnen und Grazer unter steigenden Lebenshaltungskosten. Wieso entlädt sich ihr Zorn nicht, wie sonst vielerorts, an der Stadtchefin? „Elke Kahr wird nicht als Regierende wahrgenommen“, sagt Gerald Winter-Pölsler, stellvertretender Leiter des Steiermark-Ressorts der „Kleinen Zeitung“. Kahr tritt tatsächlich kaum als Politikerin auf, inszeniert sich eher als Sozialarbeiterin an der Seite der Bevölkerung.
Dass Kahr für eine Partei antritt, die weiter den Kommunismus hochhält, und persönlich zwar den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine verurteilt, die Sanktionen gegen Russland aber kritisiert, schadet ihr in Graz nicht.
Viel Kritik erntete die KPÖ dafür, dass sie sich nach dem Angriff der Hamas auf Israel im Oktober 2023 gegen das Hissen der israelischen Flagge am Rathaus ausgesprochen hatte. Der Gemeinderat stimmte dennoch dafür, und Kahr beugte sich. Persönlich bleibt die Kommunistin dabei: Man solle lieber die Friedensfahne hissen, als Partei zu ergreifen, denn man wisse nie, wie sich ein Konflikt entwickle. Auf ihrem Revers trägt Kahr daher meist eine Friedenstaube.
Knappe Kasse
Authentisch ist wohl das Wort, das Elke Kahr am besten beschreibt. Als das niederländische Königspaar im Juni 2022 die steirische Hauptstadt besuchte, habe es die Frage gegeben, ob die Kommunistin am diplomatischen Parkett reüssieren kann, erinnert sich Winter-Pölsler. Kahr habe sich aber keinen Fauxpas erlaubt. Selbst mit FPÖ-Landeshauptmann Mario Kunasek soll die Kommunistin eine Gesprächsbasis haben – angeblich auch, weil Kunasek wie Kahr ein starker Raucher ist. Sein Büro erreiche sie nun schneller als das seines Vorgängers, erzählt die Grazer Bürgermeisterin immer wieder – auch wenn der Austausch aufgrund von beidseitiger Budgetknappheit und unterschiedlichen politischen Vorstellungen selten Früchte trägt.
Die knappen Kassen ihrer Stadt könnten der Kommunistin zum Verhängnis werden: Graz ist hoch verschuldet, Ende des Jahres soll der Schuldenstand auf mehr als zwei Milliarden Euro ansteigen – zumindest laut dem 2024 präsentierten Doppelbudget mit dem Titel „Stabil durch die Rezession“. Die nächste Stadtregierung wird einen harten Sparkurs fahren müssen. Die Frage ist nur, ob Graz bis nach der Wahl warten kann.
Kahrs Glück im Unglück: Der Großteil der Schulden wurde bereits unter der schwarz-blauen Vorgängerregierung angehäuft. Zudem hat sich Kahr über Jahrzehnte den Ruf einer Helferin in der finanziellen Not aufgebaut.
Vor allem aber sind die Grazerinnen und Grazer insgesamt in ihrer Stadt sehr zufrieden: 92,7 Prozent leben gerne in ihrem Stadtteil, zeigt eine Umfrage aus dem Jahr 2025 im Auftrag der Stadt. Und fast ein Viertel der Befragten findet, dass sich die Lebensqualität verbessert hat – deutlich mehr als bei der letzten Befragung 2021 (15,3 Prozent).
Obwohl die Einwohnerzahl rasant steigt, ist der Quadratmeterpreis für Wohnungen in Graz in den letzten zehn Jahren von allen Landeshauptstädten am geringsten gestiegen. „Das hat mit unserer Politik zu tun“, ist sich Kahr sicher: „Damit das so bleibt, braucht es einen starken kommunalen und gemeinnützigen Sektor als Konkurrenz zum privaten Wohnungsmarkt.“
Indirekt geholfen hat ihr dabei aber auch ihr Vorgänger Siegfried Nagl (ÖVP), der auch wegen des Bau-Booms unter seiner Zeit als Bürgermeister abgewählt wurde. Gerade bürgerliche Wähler waren von den vielen Baustellen in ihren Vierteln schwer genervt.
Die entscheidende Frage sei ohnehin nicht, wie weit die KPÖ am Wahlabend vorn liege, sagt Journalist Winter-Pölsler, sondern: „Geht sich die linke Mehrheit noch aus?“ Derzeit koalieren KPÖ, Grüne und SPÖ zu dritt. Die Bewohnerinnen und Bewohner der steirischen Landeshauptstadt sind politisch wechselhaft und experimentierfreudig. Mit SPÖ, ÖVP, FPÖ und seit 2021 eben KPÖ saßen schon Vertreter vier verschiedener Parteien im Bürgermeisterbüro, die dafür notwendigen politischen Allianzen waren mitunter ähnlich kreativ.
Linke Sorgen
Während die Kommunisten weiter Aufwind verspüren, droht die Sozialdemokratie in Graz in der Bedeutungslosigkeit zu versinken. Das Profil der SPÖ dürfte der starken KPÖ zu ähnlich sein, weshalb die Sozialdemokraten nun offenbar auf Rudi Fußi im Wahlkampfteam setzen, wie die „Kleine Zeitung“ berichtet.
Und auch die Grünen verspüren Gegenwind: Parteichefin Judith Schwentner ist in der Proporzregierung für Stadtplanung, Umwelt und Verkehr zuständig. Kein Thema wird in Graz derart so hitzig diskutiert wie der Verkehr. „Diese Wucht war am Anfang gewöhnungsbedürftig“, sagt Schwentner: „Jede kleinste Veränderung im Verkehrsbereich erzeugt Widerstand.“ In der Vergangenheit schoben die Koalitionsparteien das Verkehrsressort daher gerne den in der Grazer Proporzregierung vertretenen Oppositionsparteien zu. Bis 2021 hieß die Verkehrsstadträtin daher Elke Kahr. Schwentner will nun ihre Vizebürgermeisterin bleiben.
Die Mühen der Ebene zeigen sich im Verkehr besonders: In St. Peter, im Osten von Graz, wünsche sich die Bevölkerung etwa Verkehrsberuhigung, sagt Schwentner, „aber 80 Prozent des Verkehrs dort ist selbst gemacht“. Auch eine verkehrsberuhigte Innenstadt ist von der Bevölkerung laut Befragungen erwünscht – jeder Parkplatz weniger sorgt dennoch für Diskussionen. „Senioren können oft nicht mehr Rad fahren“, sagt ÖVP-Stadtparteigeschäftsführer Markus Huber: „Und auch in der Nähe von Arztpraxen oder Apotheken braucht es Parkplätze.“
Die Volkspartei vermisst ein Gesamtkonzept für den Grazer Verkehr, überhaupt fehle der Bevölkerung „eine konkrete Zukunftsvision für die Stadt“. Graz sei eben mehr als nur der Sozialbereich, sagt Huber: Die Volkspartei fordert einen Plan für den Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort, wünscht sich eine seniorenfreundliche Stadt sowie eine Verlagerung des öffentlichen Verkehrs unter die Erde, sei es per U-Bahn oder S-Bahn.
Neben der KPÖ gelten die Freiheitlichen als sichere Wahlgewinner. Der blaue Finanzskandal in Graz um mutmaßlich veruntreute Parteigelder spielt bei der Wahl kaum noch eine Rolle, im Gegenteil: FPÖ-Spitzenkandidat René Apfelknab kündigt sogar an, „auf die Finanzen ganz, ganz genau zu schauen“ – allerdings auf die der Stadt Graz. Damit liefert er sich in den Umfragen ein Duell um den zweiten Platz.
Fällt die linke Mehrheit, wird die Koalitionssuche schwierig: KPÖ und FPÖ wollen nicht miteinander. Eine Koalition aus KPÖ und ÖVP ist nicht ausgeschlossen, in der Praxis aber schwer vorstellbar. Und Neos-Spitzenkandidat Philipp Pointner will nicht mit den „Extremen“, konkret mit der FPÖ und der KPÖ, koalieren. Er träumt bereits von einem freien Spiel der Kräfte, damit ist er allerdings wohl allein.
Das alles sind Sorgen für nach der Wahl. „Ich hätte gerne wieder ein bisschen Zeit zum Nachdenken“, sagt Kahr am Ende des Gesprächs mit profil. Um den Kopf so richtig freizubekommen, braucht die Grazerin in der Regel Urlaub außerhalb der Landesgrenzen.
Womöglich hat sie bald mehr Zeit dafür: Die 64-Jährige dürfte die Führung der Grazer KPÖ und der Stadt wohl irgendwann im Lauf der nächsten Legislaturperiode übergeben. Spätestens dann ist das Rennen um den Sessel der Bürgermeisterin in der zweitgrößten Stadt Österreichs wieder völlig offen.
Max Miller
ist seit Mai 2023 Innenpolitik-Redakteur bei profil. Schaut aufs große Ganze, kritzelt gerne und mag Grafiken. War zuvor bei der „Kleinen Zeitung“.