Gigi, Identitäre und Schießen: So radikal ist die FPÖ-Jugend
In der Freiheitlichen Jugend wächst die nächste Generation an FPÖ-Politikern heran. Sie sind identitär, teils gewaltaffin und befürworten Massenabschiebungen von Eingebürgerten – nun wird gegen mehrere Mitglieder ermittelt.
Die freiheitlichen Jungfunktionäre träumen von nichts weniger als einer „Revolution“. Einem Umsturz. Alle großen Revolutionen der Geschichte hätten nichts anderes getan, „als eine Entwicklung in die Tat umzusetzen, die sich zuvor schon unterschwellig in den Geistern vollzogen hatte“, schreibt einer der blauen Nachwuchskader auf der Website der freiheitlichen Parteiakademie.
Bei Umfragewerten von aktuell 36 Prozent für die FPÖ sollte man das nicht als Hirngespinst abtun. Es ist wahrscheinlich, dass einige der Jungfreiheitlichen bald in wichtige Ämter rutschen, einige rechte Recken bevölkern bereits jetzt das Parlament.
Die jungen Männer und Frauen, die bald die FPÖ anführen könnten, sind rechts, teils gewaltaffin und lehnen die liberale Gesellschaft aus tiefster Überzeugung ab.
Wen das Zitat des Jungfunktionärs an den italienischen Marxisten Antonio Gramsci und seinen Kampf um gesellschaftliche Hegemonie erinnert, liegt richtig: Neurechte Vordenker haben bei Gramsci abgeschrieben. Anders als der Kommunist wollen sie rechtsextremes Gedankengut mehrheitsfähig machen und führen einen Kulturkampf.
Dafür bedienen sich die jungen Blauen offenbar bei einem zweiten Italiener: dem Musiker Gigi D’Agostino. „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus“, brüllten mehrere Gestalten in einem Lokal in Gosau (Oberösterreich) zur Melodie von D’Agostinos „L’amour toujours“.
Was die Gröler damals, im November 2025, nicht wussten: Sie wurden heimlich von anderen Gästen des Lokals gefilmt. Die Videos landeten bei der Staatsanwaltschaft Wels und beim Landesamt für Verfassungsschutz. Drei der Personen wurden inzwischen identifiziert. Es war kein besonders kniffliger Fall für die Ermittler: Wegen eines Seminars hatten sich Dutzende Jungfreiheitliche in Gosau zusammengefunden, unmittelbar vor den Szenen im Lokal zogen sie in einem Fackelzug durch den Ort. Ermittlungsergebnis: Die Beschuldigten sind allesamt Mitglieder der Freiheitlichen Jugend.
Die rassistische Parole ist zwar keine Erfindung der Freiheitlichen Jugend, doch die Aneignung durch den blauen Nachwuchs war nur eine Frage der Zeit. Die rechtsextreme Coverversion von D’Agostino erlangte vor eineinhalb Jahren Berühmtheit, nachdem ein Video von der deutschen Insel Sylt viral gegangen war.
„Nach Sylt [wurde] die Melodie von der organisierten extremen Rechten und den ihr nahestehenden Medien auf breiter Basis aufgegriffen, um den Trend zu verstärken“, steht dazu im aktuellen Rechtsextremismusbericht für das Jahr 2024, der am Donnerstag veröffentlicht wurde.
Der langjährige Chef der Identitären Bewegung Österreich (IBÖ) Martin Sellner rief den FPÖ-Nachwuchs dazu auf, den Song mittels Flashmobs weiter zu promoten, das rechtsextreme Medium „Heimatkurier“ verharmloste die Parole gar als „humorige Textzeile“.
Bemerkenswert: Hinter dem „Heimatkurier“, der wegen einer erfolgreichen Klage einer linken Politikwissenschafterin inzwischen eingestellt werden musste, stand mit Fabian Rusnjak ein langjähriger Kader der Identitären Bewegung. Und hier schließt sich der Kreis zur blauen Parteijugend:
Rusnjak ist heute parlamentarischer Mitarbeiter bei FPÖ-Nationalrat und „Linksextremismussprecher“ Sebastian Schwaighofer – seines Zeichens geschäftsführender Bundesobmann der Freiheitlichen Jugend. Laut Vereinsregister ist Rusnjak aktuell im Vorstand des Vereins „Armin-Mohler-Gesellschaft“. Der Schweizer Mohler (1920 bis 2003) war ein neurechter Vordenker, der zu Lebzeiten die Existenz des Holocausts hinterfragte und sich als „Faschisten“ bezeichnete. Schwaighofer ließ eine Anfrage zu Rusnjaks Weltanschauung unbeantwortet.
Auch der zweite FJ-Bundesobmann Maximilian Weinzierl vertraut politisch auf die Dienste eines Identitären: Er beschäftigt mit Andreas Hinteregger einen Mitarbeiter, der eine identitäre Universitätsgruppe aufbauen wollte und mit dem rechtsextremen deutschen Verleger Götz Kubitschek bekannt ist. Im Rechtsextremismusbericht wird Hinteregger so zitiert: Er wolle sich aus dem „Schatz konservativer, rechter, reaktionärer Ideen“ bedienen und „dem Schuldkult ein Ende machen“. Als „Schuldkult“ bezeichnen Rechtsextreme die Erinnerungskultur an die nationalsozialistischen Verbrechen und die Verantwortungsübernahme der Täterstaaten.
Auch FPÖ-Abgeordneter Weinzierl antwortete nicht auf die Frage, wie er zu diesen Aussagen seines Mitarbeiters steht. Seit Juni 2023 ist der 28-jährige Weinzierl Bundesobmann der FJ. Zusätzlich zu seiner politischen Arbeit betreibt er seinen eigenen Kosmetik-Onlineshop „Weinzierl Kosmetik“, über den er anderen Firmen Kosmetikartikel weiterverkauft. Mit über 12.000 Euro pro Monat gehört Weinzierl zu den Nationalratsabgeordneten mit dem höchsten Zuverdienst.
Nur zwei Monate nach Weinzierls Postenübernahme schockierte die FJ mit einem zur Rekrutierung neuer Mitglieder produzierten YouTube-Video, in dem mehrere rechtsextreme Verschwörungstheorien verarbeitet wurden. Liegt die Radikalisierung der Sprache an ihrem neuen Obmann? Nein, das habe bereits früher begonnen, so die Rechercheplattform „Stoppt die Rechten“: „In dem Moment, wo FPÖ-Generalsekretär Schnedlitz 2020 verkündet hat, dass man sich von den Identitären nicht mehr distanzieren werde, ist das natürlich auch ein Startschuss gewesen für die vielen Jungen.“
Unter den Jungfreiheitlichen tummeln sich Funktionäre, die 2024 einen Kameramann von Puls4 bei einer Demonstration heftig schubsten und bedrängten, die EU wörtlich als „Gulag“ bezeichnen und den Austritt aus der EU fordern. Da gibt es Burschen, die dafür „arbeiten“, dass die österreichische Nationalmannschaft in wenigen Jahren nicht so „aussehe wie die französische“. Gemeint ist offenbar die Hautfarbe der Spieler. Eine FJ-Ortsgruppe lud gar zu Schießübungen ein.
Die FJ unterscheidet sich überhaupt nicht mehr von den Identitären. Weder ideologisch noch von den Veranstaltungsformen und der Ästhetik der Bilder her.
„Stoppt die Rechten“
über die Freiheitliche Jugend
Der neue Rechtsextremismusbericht verdeutlicht, wie fließend die Grenzen zwischen Freiheitlicher Jugend und der IBÖ sind. „Die FJ unterscheidet sich überhaupt nicht mehr von den Identitären. Weder ideologisch noch von den Veranstaltungsformen und der Ästhetik der Bilder her“, so „Stoppt die Rechten“.
Besonders radikal tritt die FJ in Oberösterreich auf. Seit Jahren verwenden die Jungblauen den identitären Kampfbegriff der „Remigration“, eine Umschreibung für Massenabschiebungen. In einem Instagram-Post aus dem Jahr 2024 führte die FJ Oberösterreich genauer aus, wie sie sich das vorstellt: Abgeschoben werden sollen „auch hier lebende Ausländer und zu Unrecht eingebürgerte Zuwanderer, die in unserem Land Probleme machen“. Die Remigration betreffe alle, „die nie in unser Land hätten einwandern dürfen“. In anderen Worten: Der blaue Parteinachwuchs will österreichische Staatsbürger außer Landes verfrachten.
Die blaue Jugendorganisation sei zur treibenden Kraft bei der strategischen und inhaltlichen Verschmelzung von FPÖ und neurechter Szene geworden, heißt es im Rechtsextremismusbericht.
Von Iris Bonavida,
Stefan Melichar und
Jakob Winter
Wieder eine Anzeige
Neben dem Vorfall in Gosau droht der FJ noch in einer zweiten Causa juristisches Ungemach: In einem Facebook- und Instagram-Video, das die FPÖ Graz Anfang Dezember veröffentlichte, war FJ-Steiermark-Obmann Noah Straßbauer vor der Volksschule St. Andrä-Gries in Graz zu sehen. In dem mittlerweile gelöschten Video waren Volksschulkinder zu erkennen, Straßbauer soll in die Kamera gesagt haben, dass Ausländerkinder in Grazer Schulen die Mehrheit stellen würden und dass die Volksschule St. Andrä-Gries ein Sinnbild für „Bevölkerungsaustausch“ wäre. Damit bediente er die rechtsextreme Verschwörungstheorie, die „einheimische“ Bevölkerung Europas würde gezielt durch Migration und höhere Geburtenraten von Migranten ersetzt. „Stoppt die Rechten“ zeigte die FPÖ Graz im Dezember 2025 wegen Verdachts auf Verhetzung bei der Staatsanwaltschaft Graz an. Die Anzeige inklusive Transkript des Videos liegt profil vor. Die Grazer Staatsanwaltschaft prüft derzeit, ob ein ausreichender Anfangsverdacht besteht, der das Einleiten eines Ermittlungsverfahrens rechtfertigen würde. Die FPÖ Steiermark sagt dazu in einer Stellungnahme: „Nach Bekanntwerden des Videos wurde seitens der Landespartei unverzüglich dessen Löschung eingefordert. Für die Erstellung und Veröffentlichung des Videos trägt ausschließlich der Protagonist der Aufnahme die Verantwortung. Bis zu einer möglichen rechtskräftigen Verurteilung gilt die Unschuldsvermutung.“
Nach dem Sieg bei der Nationalratswahl konnte die FPÖ im Parlament zig neue Mitarbeiter anstellen. Darunter: Kader der Identitären, eine verurteilte Islam-Feindin, ein Ex-Playmate und Verwandte von bekannten Parteigrößen.
Von Iris Bonavida,
Stefan Melichar und
Jakob Winter
Mit TikTok-Kampagnen, Flyern und Lesekreisen versucht die „Aktion 451“ seit Anfang des Semesters wieder Studierende an Wiener Unis zu erreichen. Eine profil-Recherche zu der rechtsextremen Gruppierung.