Bereits im September 2024 hatten rund 60 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei der Compliance-Stelle ausgesagt und Peter Schöber unter anderem toxisches Führungsverhalten, Mobbing und Einflussnahme auf redaktionelle Inhalte vorgeworfen. Der dazugehörige Compliance-Bericht blieb allerdings bis heute unter Verschluss. Der damalige Generaldirektor Roland Weißmann soll eine Veröffentlichung unter Verweis auf „Persönlichkeitsrechte“ verhindert haben. Thurnher wiederum verwies auf den Transparenzanspruch, der nun auch rückwirkend gelten soll. Das teilte die neue Generaldirektorin am Dienstag in einer Redaktionsversammlung vor der ORF-3-Belegschaft mit; der Fall Schöber wird erneut geprüft und liegt inzwischen beim Transparenz-Beirat.
Im Zuge dieser Prüfung soll auch der damalige Compliance-Bericht eingesehen werden. Auch die Stiftungsräte des ORF können diesen einsehen. Dagegen wollte Schöber per einstweiliger Verfügung vorgehen. Das dürfte sich mittlerweile erledigt haben. Auf profil-Nachfrage teilte der ORF mit, dass sein Antrag abgewiesen wurde. Der Bericht zu den Vorwürfen gegen Schöber bleibt damit weiterhin einsehbar. Auch der Rechnungshof bestätigte gegenüber profil, dass Compliance-Themen Teil der aktuell laufenden Untersuchung im ORF sind. Ob der Rechnungshof selbst Einsicht in den Bericht erhält, wollte man nicht beantworten.
„Schwulen Schweine“
Die Vorwürfe im neuen Verfahren gegen Schöber wiegen schwer. In einem Schreiben der Gleichbehandlungsanwaltschaft, das profil vorliegt, werden die darin geschilderten Vorfälle als „Mehrfachdiskriminierung in Form einer sexuellen Belästigung und einer Belästigung der sexuellen Orientierung“ (beides im Sinne des Gleichbehandlungsgesetzes) bewertet. Schöber soll etwa gemeinsam mit einem Kollegen über den betreffenden Redakteur gelästert, sich über seine Tätigkeit als Betriebsrat lustig gemacht und sein Engagement als Kirchenmusiker („warmen Pfaffen“) verspottet haben. Bereits im Bewerbungsgespräch sei der Mann von Schöber nach seiner sexuellen Orientierung gefragt worden. Nach seiner Wahl in den Betriebsrat im Jahr 2022 hätten die Repressalien aber deutlich zugenommen, heißt es. Das geht auch aus dem Schreiben der Gleichbehandlungsanwaltschaft sowie einem Schriftsatz an das Arbeits- und Sozialgericht hervor. Darin werden mehrfach „herabwürdigende und homophobe Äußerungen“ dokumentiert.
So etwa bei einer Weihnachtsfeier im Dezember 2022. Schöber soll dem Betriebsrat vorgeworfen haben, seinen Ruf zu schädigen. Auf der Toilette soll er gesagt haben: „Mit dir will ich da nicht herinnen sein, wer weiß, was da passiert.“ Dabei soll er demonstrativ seine Hand vor den Schritt gehalten haben. Im Februar 2023, so der Vorwurf, verteilte Schöber Faschingskrapfen an die Belegschaft mit dem Kommentar: „… und einen Krapfen für unseren warmen Betriebsrat.“ Wenige Monate später, im Juni, eskalierte die Situation bei einem Jour fixe, wo Schöber den Betriebsrat beschimpft haben soll: „Du scheiß Sozi wirst mir hier ned zu groß … euch Betriebsräte braucht hier keiner … das werdet ihr schwulen Schweine auch noch akzeptieren müssen.“ Im August 2024 habe Schöber dem Mann unterstellt, gemeinsam mit einem externen Produzenten, der regelmäßig Sendungen für ORF 3 produzierte, „Schwulenpornos“ gedreht zu haben.
30.000 Euro Schadenersatz
profil kontaktierte Peter Schöber. Er ließ über seinen Anwalt ausrichten, dass er die ihm zugeschriebenen Aussagen nicht getätigt habe und alle Vorwürfe entschieden zurückweise. Zudem betonte er, er habe sich „in seinem Arbeitsumfeld wie auch privat fortwährend für die Anliegen und Rechte der LGBTQ+-Community eingesetzt“, was sich laut Schöber sowohl im Programm von ORF 3 als auch in der Zusammensetzung der Belegschaft widergespiegelt haben soll. profil stellte auch dem ehemaligen Betriebsrat Fragen zum Verfahren. Diese blieben unbeantwortet.
Insgesamt geht es um eine Schadenersatzforderung von rund 30.000 Euro. Das Verfahren ist allerdings bis Mitte Juni stillgelegt, eine Begründung wurde auf Nachfrage beim Arbeits- und Sozialgericht nicht genannt.
Schöber dürfte nicht der Einzige bleiben, den die Lawine an Vorwürfen erfasst. Mit Weißmanns Fall wurden auch andere ORF-Spitzen mitgerissen. Der Ex-Generaldirektor trat am 8. März nach dem Vorwurf der sexuellen Belästigung einer ORF-Mitarbeiterin zurück. profil berichtete ausführlich darüber, veröffentlichte Auszüge der Chats zwischen Roland Weißmann und dem mutmaßlichen Opfer. Die interne Compliance-Untersuchung kam zu dem Ergebnis, dass nichts strafrechtlich Relevantes festgestellt werden konnte und auch keine sexuelle Belästigung nach dem Gleichbehandlungsgesetz vorliegt. Weißmann zog daraufhin in die Offensive und bekämpft seine von Thurnher am 17. April ausgesprochene Kündigung vor dem Arbeitsgericht. Die erste Verhandlung ist für August anberaumt. Dazu geht er gegen das mutmaßliche Opfer sowie dessen Anwalt strafrechtlich vor. Die Frau beharrt weiter auf ihre Darstellung und geht wiederum gegen den ORF vor.
Nach Weißmann zog am Dienstag auch Thomas Prantner die Konsequenzen und trat als Stiftungsrat zurück. In einer Stellungnahme begründete er den Schritt damit, dass er nach den „wochenlangen medialen Diskussionen, parteipolitischen Angriffen und rufschädigenden Wortmeldungen gegen seine Person keine Belastung für die steirische Landespolitik und Landesregierung sein wolle“. Zuvor hatte der freiheitliche Landeshauptmann Mario Kunasek seinem Mann im Aufsichtsgremium noch das Vertrauen ausgesprochen, die Opposition forderte hingegen geschlossen seinen Rücktritt.
Überraschend kam der Abgang nicht. Im April hatte der ORF-Redaktionsausschuss vier Stiftungsräten, darunter Prantner, das Misstrauen ausgesprochen. Hintergrund waren Berichte über interne Memos, Notizen und E-Mails aus seiner Zeit als Online-Chef im ORF. Laut „Standard“ und „Dunkelkammer“ belegen die Unterlagen Prantners enge Beziehung zur FPÖ. Die Rede ist von „Hunderten Interventionen“, von Personalwünschen, die erfüllt worden seien, und von internen Machtkämpfen.
Dazu sah sich Prantner mit Vorwürfen sexueller Übergriffe konfrontiert. Eine ehemalige ORF-Managerin soll nach ihrer Babykarenz mehrfach von ihm bedrängt worden sein. Er soll die Arbeitsbeziehung sexualisiert und dabei seine Machtposition ausgespielt haben. Aussagen darüber, „wie geil“ es wäre, „zum ORF-TVthek-Trailer Sex zu haben“, oder Sätze wie „Ohne mich bist du gar nichts“ habe sie regelmäßig zu hören bekommen. Der Fall landete vor der ORF-internen Gleichstellungskommission und endete in einer außergerichtlichen Streitbeilegung.
In der Folge leitete die Frau ein arbeitsrechtliches Verfahren gegen den ORF ein, weil sie sich bei einer Postenbesetzung übergangen fühlte, und nannte Prantner als Zeugen. Das Verfahren dauerte mehr als zwei Jahre und endete im Jänner 2026 mit einem Vergleich zwischen der Frau und dem ORF sowie einer Schadenersatzzahlung von 200.000 Euro. Die Managerin wurde noch während des laufenden Verfahrens entlassen. Aus Opferschutzgründen wurden die Namen der beteiligten Personen damals nicht öffentlich genannt. Prantner wechselte später in den Stiftungsrat – jenes Gremium, das sich auch mit den Vorwürfen sexueller Belästigung im Fall Weißmann befasste.
Vor dem Wiener Rathaus wird das ESC-Village noch fertig aufgebaut, die Eröffnung folgt am Sonntag. Mittendrin das Glasstudio des ORF. Bleibt zu hoffen, dass Transparenz dort nicht nur Fassade ist.