Sitzung des Pilnacek-U-Ausschusses am Donnerstag, 12. März 2026, im Parlament in Wien.
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Pilnacek-Laptop im Auto: „Was mache ich jetzt damit?“

Christian Mattura hatte den früheren Justiz-Sektionschef Christian Pilnacek heimlich aufgenommen. Im U-Ausschuss erklärte er, wie er an Pilnaceks Daten kam – und rechnete mit der ÖVP ab.

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„Ich weiß jetzt gar nicht, ob und wie es mir gelingen wird, Sie auf die Niederungen unseres Untersuchungsgegenstandes zurückzuführen“, sagte Verfahrensrichterin Christa Edwards nach dem Eingangsstatement von Christian Mattura. Mattura drehte sich daraufhin zu ÖVP-Fraktionschef Andreas Hanger und machte ihm mit einer Geste unmissverständlich klar: Ich behalte dich im Blick.

Der Pilnacek-U-Ausschuss soll eigentlich auf Verlangen der FPÖ prüfen, ob in die Ermittlungen rund um den Tod des ehemaligen Justiz-Sektionschefs Christian Pilnacek im Oktober 2023 politisch interveniert wurde. Immerhin wurde rund ein Monat nach Pilnaceks Tod ein heimlich aufgenommenes Tonband öffentlich, in dem der einstige Justiz-Sektionschef über politischen Druck aus der ÖVP klagt. Heute wurde das Parlament stattdessen zu einer verwirrenden Bühne der Selbstinszenierung.

Christian Mattura ist der Urheber dieses Tonbandes. Der Unternehmer erklärte in seinem Eingangsstatement als Auskunftsperson im U-Ausschuss, dass er als Sprecher der österreichischen Automatenwirtschaft vom Glücksspielkonzern Novomatic unter Druck gesetzt worden sei. Die Staatsanwaltschaft Leoben habe daraufhin ein Verfahren gegen ihn eingeleitet – und in diesem Kontext habe er Christian Pilnacek konfrontiert: „Du hast da sicher deine Finger im Spiel gehabt!“ Pilnacek habe das zurückgewiesen, aber er, Mattura, habe das Gefühl gehabt, „dass er etwas verschweigt“. 

Mattura und Pilnacek dürften sich in Folge öfter getroffen haben, unter anderem am 28. Juli 2023 mit ihrem gemeinsamen Bekannten Wolfgang Rauball in Pilnaceks Stammlokal „Il Cavalluccio“ in Wien. „Als sich Pilnacek dann wieder über die Politik aufgeregt hat, habe ich den Aufnahmeknopf gedrückt“, so Mattura.

Angriffslustige Auskunftsperson

An diesem Punkt hätte Matturas Eingangsstatement zu Ende sein können. Doch der Unternehmer wollte die ihm gegebene Zeit noch für einen großflächigen Angriff auf die ÖVP im Allgemeinen und den schwarzen Fraktionsführer Andreas Hanger im speziellen nutzen: „Nach meiner Wahrnehmung haben wir nicht nur eine Zwei-Klassen-Justiz, sondern auch eine Zwei-Klassen-Finanz“, sagte Mattura, denn der Glücksspielkonzern Novomatic habe durch illegales Glücksspiel Gewinne gemacht – und „selbstverständlich hat kein ÖVP-Finanzminister jemals versucht, diese Millionen wieder hineinzubekommen“. 

Deshalb habe Hanger auch Angst vor den Inhalten auf dem Laptop und Handy von Christian Pilnacek, so Mattura: „Der Grund ist die Nähe Ihrer Partei, Ihres Parteiinstituts und von Ihnen selbst zur Novomatic.“

PILNACEK-U-AUSSCHUSS
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Hanger ließ das nicht auf sich sitzen und kündigte an, wegen Matturas Eingangsstatement vor Gericht zu ziehen. „Darauf freue ich mich, Herr Hanger“, so Mattura.

Was tun mit dem Pilnacek-Laptop?

Verfahrensrichterin Edwards hatte daraufhin die undankbare Aufgabe, zurück in den U-Ausschuss zu führen: Rauball sei ihm als ein „väterlicher Freund“ von Pilnacek vorgekommen, erklärte Mattura auf eine entsprechende Frage. Edwards zeigte sich verwundert: Pilnacek sei von Mattura aufgenommen worden, seine persönlichen Datenträger nach seinem Tod über Mattura zu Rauball gewandert: „Solche Freunde wünscht man sich.“

„Das war eine göttliche Fügung“, begründete Mattura, warum Pilnaceks Laptop in seine Hände geriet: Er habe sich nach Pilnaceks Tod mit Rauball, Pilnaceks Vertrauten Karin Wurm und deren Freundin Anna P. in der Konditorei Oberlaa getroffen. Danach habe ihm P., selbst Ex-Mitarbeiterin von Wolfgang Sobotka, in einer Tiefgarage gesagt: „He, du hast da etwas vergessen“ und ihm ein Stoffsackerl ins Auto gelegt. Als er herausgefunden habe, was da auf seiner Rückbank liege, habe er „sofort“ den ehemaligen Journalisten der „Kronen Zeitung“, Erich Vogl, angerufen und gesagt: „Du, ich habe den Laptop von Christian Pilnacek im Auto. Was mache ich jetzt damit?“

Die Antwort habe ihm Wolfgang Rauball gegeben: „Sichere bitte den Laptop!“ Rauball habe allen Menschen Befehle erteilt, „der war einfach ein Unternehmer-Patriarch“. Mattura folgte und verstaute den Laptop des verstorbenen Sektionschefs zwei Tage lang zwischen Reifen in einem Lager in der Nähe von Amstetten. Am 9. November habe er den Laptop Rauball zurückgebracht, dieser hatte jemanden gefunden, der die Daten auswerten konnte. 

Wenig später habe er Unterlagen aus dem Laptop erhalten, so Mattura: „Es ist der komplette ungeschwärzte Ibiza-Akt draufgewesen. Und Novomatic-Verschlussakten.“ Auch Unterlagen aus U-Ausschüssen seien auf dem Laptop gespeichert gewesen.

Die „Krone“ im polnischen Lokal

Auf ihn selbst sei kein politischer Druck ausgeübt worden, sagte Mattura. Aber ihm seien vor der Veröffentlichung seines heimlich aufgenommenen Tonbandes merkwürdige Vorgänge in der „Kronen Zeitung“ zugetragen worden: So soll Erich Vogl in einem polnischen Lokal in Wien belauscht worden sein. Mattura legte dazu ein SMS vor, angeblich aus einem ÖVP-internen Chatverlauf:

Laut Mattura Nachrichten aus einer ÖVP-Chatgruppe

Servus, sorry für die Störung , aber es könnte für die ÖVP, insbesondere Sobotka, von größter Wichtigkeit sein: habe gerade mitbekommen, dass die Krone und der ORF Tonbänder vom Pilnacek besitzen, in welcher er mit der ÖVP abrechnet. Der ORF (M. Thür) prüft gerade forensisch die Tonbänder. Dichand hat dem zuständigen Journalisten bereits „grünes Licht“ gegeben. Es warten nur alle auf die Prüfung des ORF. Es handelt sich max noch um ein paar Tage. Falls Thema wichtig genug und interessant, kannst mich jederzeit anrufen. Ansonsten erzähle ich es dir am Montag. LG

Laut Mattura Nachrichten aus einer ÖVP-Chatgruppe

Wahnsinn, da hat ein krone Journalist in einem polnischen Lokal was von sich gegeben. Bombe platzt wahrscheinlich bald, sollte man warnen?

„Ich habe das SMS damals von einem Krone-Journalisten bekommen“, sagte Mattura, einen Namen wollte er aber nicht offenlegen: „Man weiß ja, was passiert.“ 

Damit spielte Mattura darauf an, dass Erich Vogl in einem Gerichtsprozess als Zeuge ausgesagt hatte, dass er vernommen habe, dass Ex-Kanzler Karl Nehammer versucht habe, Veröffentlichungen in der Causa Pilnacek in der „Kronen Zeitung“ zu verhindern. Wenige Tage nach dieser Aussage verließ Vogl das Unternehmen. „Ich bin der Meinung, dass man sich das mit dem Herrn Vogl noch einmal anschauen sollte“, so Mattura: „Das ist meine Wahrnehmung.“

Ein Rollwagen mit den Aufschriften „FAKTEN“ und „STATT SPEKULATIONEN“ steht in einem Konferenzraum mit mehreren Personen.
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Christian Pilnacek wollte offenbar vor seinem Tod gemeinsam mit seiner Vertrauten Karin Wurm ein Haus in Rossatz von einem ehemaligen Signa-Manager kaufen. „Rauball hätte das zwischenfinanzieren sollen“, erklärte Mattura. Rauball habe angedeutet, dass Pilnacek auf eine größere Summe aus Dubai warten würde: „Es ist ungewöhnlich, dass ein ehemaliger Sektionschef auf eine größere Summe aus Dubai wartet“, sagte Mattura dazu.

Gespräch im Keller

Am Vormittag wurde der frühere profil-Journalist Michael Nikbakhsh befragt. Auch er hatte heimlich ein Gespräch aufgenommen, allerdings nach Pilnaceks Ableben: Am 9. Dezember 2023 fanden sich der Lobbyist Peter Hochegger, Mattura, Karin Wurm, die frühere Sobotka-Mitarbeiterin Anna P. bei Nikbakhsh im Keller ein. Das Treffen hatte Mattura eingefädelt. Er habe den Journalisten angerufen und gesagt: „Du, ich kenne diese Damen, da gibt es Zweifel an dem Tod von Pilnacek.“

Anna P. beschrieb im Laufe des Gesprächs Druck durch Sobotka. Im U-Ausschuss hatte sie ihre Aussagen unter Wahrheitspflicht zurückgenommen: Es sei ein „total verrückter Abend“ gewesen, bei dem Verschwörungstheorien aufgestellt worden seien: „Ich habe mich zu Aussagen hinreißen lassen.“

Nikbakhsh konnte sich heute nicht erklären, was an diesem Treffen „verrückt“ gewesen sein könnte: Seine Gäste seien um 17 Uhr gekommen, es sei gesetzt gewesen, man habe zu viert – Hochegger trinke nicht – eine Flasche Wein getrunken, die relevanten Aussagen von P. seien aber noch davor gefallen: „Auf den zwei Stunden Material, das ich habe, hört man niemanden grölen, das war auch alles andere als abstrus.“ Und bis auf einen Moment, in dem Karin Wurm in den Raum stellte, dass Pilnacek noch leben könnte, seien auch keine Verschwörungstheorien gesponnen worden. Die einstige Sobotka-Mitarbeiterin habe sich auch bestimmt nicht unwohl gefühlt, so Nikbakhsh: „Ich halte mich für einen guten Gastgeber.“

Nikbakhsh hatte seine Gesprächspartner nicht darüber informiert, dass er das Gespräch mit seinem Handy aufnahm: „Ich wollte an dem Nachmittag nicht mitschreiben, habe deshalb ein Band laufen lassen“, erklärte der Journalist. Bis er eine Teil-Mitschrift in seinem Podcast „Die Dunkelkammer“ veröffentlichte, hätten auch alle anderen Teilnehmenden von der Existenz des Tonbandes gewusst – alle außer Anna P.: Dass er sie nicht informiert habe, „war eine Lässlichkeit meinerseits“.

Nikbakhsh hatte in Folge auch Zugriff auf eine Spiegelung des Pilnacek-Laptops und erhielt von Peter Pilz zudem Zugriff auf eine Festplatte mit weiteren Daten von Pilnacek. Der Journalist führte unter andere aus, wie die Datenstruktur ausgesehen hatte. Neue Erkenntnisse gab es kaum: Nikbakhsh hat zum Fall Pilnacek ausführlich publiziert, politischen Druck habe er dabei nie verspürt.

Warum er sich überhaupt mit Pilnaceks Todesfall beschäftigt hatte? „Ich halte es für sehr, sehr merkwürdig, dass ein erwachsener Mann im 21. Jahrhundert ins Wasser geht.“ Auch am Ende seiner dreistündigen Befragung erklärte der Journalist: „Meine Zweifel an den Todesumständen von Christian Pilnacek sind in den letzten Monaten nicht kleiner geworden.“ 

Was ihn weiter zweifeln lässt, verriet Nikbakhsh nicht. Er wurde auch nicht gefragt.

Max Miller

Max Miller

ist seit Mai 2023 Innenpolitik-Redakteur bei profil. Schaut aufs große Ganze, kritzelt gerne und mag Grafiken. War zuvor bei der „Kleinen Zeitung“.