Doris Bach
Die Humorforscherin hält sich an Erich Kästners Devise: „Humor ist der Regenschirm der Weisen.“
© Alexandra Unger
Doris Bach
Die Humorforscherin hält sich an Erich Kästners Devise: „Humor ist der Regenschirm der Weisen.“
Humorforschung: Tipps und Witze für ein lustigeres Leben
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Wer heuer in den Ostergottesdienst geht, darf sich nicht wundern, wenn der Pfarrer neben der Heilsgeschichte auch einen Witz erzählt. Immer mehr Pfarrgemeinden besinnen sich auf die fast vergessene Tradition des Osterlachens, wonach Christinnen und Christen sich über den Tod amüsieren sollen, den Gott mit der Auferstehung überlistet hat. Ein Meister des „risus paschalis“, wie es auf Latein heißt, ist der bayerische Bischof Stefan Oster. Seine Witze gehen auf YouTube regelmäßig viral – wohl auch deshalb, weil ihm schon beim Erzählen die Lachtränen in die Augen wandern. Sein Osterwitz aus dem Jahr 2023 wurde mehr als 800.000 Mal geklickt:
„Ein Ehepaar plant seinen 20. Hochzeitstag mit einer Reise ins südliche Afrika. Aus Termingründen fliegt er schon einen Tag früher und schreibt seiner Frau aus dem Hotel eine E-Mail. Bei der Adresseingabe hat er sich ein bisschen vertippt, deshalb kommt die E-Mail ausgerechnet bei einer Frau an, die am Tag davor ihren Mann beerdigt hat. Als die Frau die E-Mail öffnet, stockt ihr der Atem: ‚Mein lieber Schatz, ich weiß, du bist überrascht, von mir zu hören, aber hier gibt es jetzt endlich auch Computer, damit man seinen Lieben zu Hause schreiben kann. Ich bin gerade erst angekommen und habe schon eingecheckt. Wie ich gesehen habe, ist auch für deine Ankunft morgen schon alles vorbereitet. Ich freue mich schon sehr auf dich und hoffe, deine Anreise läuft genauso problemlos wie meine. PS: Es ist wahnsinnig heiß hier unten.‘“
Bischof Stefan Oster beim Ostergottesdienst
Humor kann freilich mehr, als einen möglicherweise ermüdenden Gottesdienst aufzulockern. Er ist auch ein wirksames Mittel gegen depressive Verstimmungen, die einen ob der Nachrichtenlage in letzter Zeit schnell ereilen können. Und er hilft sogar jenen, die unmittelbar von persönlichen Katastrophen betroffen sind.
Hami zum Beispiel, einem Regimegegner im Iran, der im Jänner bei den blutigen Protesten in Teheran Freundinnen sterben sah – und der nun täglich Raketen auf seine Heimatstadt fallen sieht. Er schreibt, sooft es die Verbindung zulässt, an eine Reporterin des Magazins „New Yorker“. Als Modschtaba Chamenei, Sohn des getöteten Ajatollahs, zu dessen Nachfolger ernannt wurde, konnte sich Hami ein Tränen lachendes Emoji nicht verkneifen, als er übersetzte: „Die Schlagzeile der Nachrichtenagentur lautet: ‚Die Hand Gottes wurde sichtbar / Khamenei wurde jünger.‘“
„Witze schaffen Distanz und damit Erleichterung“, sagt die Psychologin Andrea Samson, die in der Schweiz die Wirkung von Humor erforscht. Hilft es möglicherweise sogar langfristig, über eine schwierige Situation zu lachen? Dieser Frage widmete Samson ein Experiment.
Das Humor-Experiment
Sie erklärte 57 Studienteilnehmenden anhand von Beispielen das psychologische Prinzip der Uminterpretation. Dabei wird eine traurige Situation in einen neuen Kontext gesetzt, um ihr eine positivere Bedeutung zu geben. Das geht in Form von tröstenden Worten, zum Beispiel so: Man sieht ein Bild, auf dem Tierärztinnen einen verletzten Hund operieren. Die Uminterpretation dazu lautet: „Der arme Hund ist zwar verletzt, aber er wird jetzt operiert, bald wird es ihm besser gehen.“ Man kann eine schwierige Situation aber auch mit Humor uminterpretieren. Ein Beispiel: Ein Mann hat eine frisch genähte Narbe auf der Stirn. Der Kommentar dazu: „Jetzt hat er ein großartiges Zombie-Kostüm für Halloween.“ Oder: „Ohne das Horn sieht er deutlich besser aus.“
„Witze schaffen Distanz und damit Erleichterung.“
Humorforscherin Andrea Samson
Derart gebrieft, bat Samson die Probandinnen und Probanden, sich 80 traurige, eklige oder aufwühlende Bilder anzusehen und die Hälfte davon ernsthaft umzuinterpretieren, die andere Hälfte humorvoll. Nach jedem Bild befragten Samson und ihr Team die Teilnehmenden. Hatten sie eine Interpretation gefunden? Wie schwer war es? Und wie positiv oder negativ fühlen sie sich nun auf einer Skala von eins bis neun?
Das Ergebnis: Den Menschen fiel es schwerer, lustige Worte zu finden. Waren ihnen aber welche eingefallen, waren sie signifikant positiver gestimmt als nach der ernsthaften Uminterpretation. Eine Woche später beurteilten die Probanden die Bilder noch einmal – heraus kamen ähnliche Ergebnisse. Der Schluss daraus: „Humor ist langfristig wirksam, auch wenn man den konkreten Witz vergessen hat“, erklärt Samson im profil-Gespräch.
Lachen üben
Lachen reduziert Stress, weckt positive Gefühle und schafft Verbundenheit – darüber ist sich die Forschung heute einig. Erwachsene lachen viel weniger als Kinder, weil sie ständig überprüfen, ob sie auch wirklich lachen dürfen. Ist es sozial erwünscht? Ist es gerade angebracht? Mache ich mich damit etwa lächerlich? Trotzdem kann man die Lachfrequenz auch als Erwachsene wieder erhöhen. „Man kann Humor trainieren“, sagt Doris Bach, Humorforscherin, Psychotherapeutin sowie Präsidentin des CliniClowns Forschungsvereins.
In ihrem Buch „Humortraining“ geben Bach und ihre Kollegin Theresa Scheinecker Tipps für ein lustigeres Leben. Jede kennt zum Beispiel den Schneeballeffekt in der Kollegenrunde beim Kaffeeautomaten oder bei der Familienfeier. Jemand berichtet über ein Ärgernis, darauf fällt auch dem Onkel eines ein, danach der Cousine, und am Ende sind alle etwas deprimiert. „Man kann den Effekt bewusst umdrehen und eine lustige Anekdote oder einen Witz erzählen“, empfiehlt Bach. Mit jeder weiteren Geschichte sinkt die Lachschwelle. „Humor ist viraler als jedes Virus“, sagt die Humorforscherin. Außerdem seien Witze ein sehr effektives Gedächtnistraining: Plot, Timing und Pointe müssen stimmen.
Doris Bach, Theresa Scheinecker: Humortraining.
Psychologie zum Mitlachen. Parodos Verlag.
84 S., EUR 20,46
Zudem empfiehlt Bach, sich vor dem Einschlafen drei freudige Erlebnisse des Tages in Erinnerung zu rufen. Das helfe, den Blick für Positives und Humorvolles zu schärfen. Ein weiterer Tipp von der Expertin: Rollenwechsel für mehr Leichtigkeit im Alltag. Im Laufe eines Tages verkörpert ein Mensch viele verschiedene Rollen – Angestellter, Chefin, Mutter, Vater, Sohn, Tochter, Musiker, Sportlerin und so weiter. „Wenn es uns gelingt, diese Rollen bewusst zu wechseln, können Probleme der verschiedenen Rollen getrennt werden. Ein Problem in der Arbeit als jenes der Angestellten zu betrachten, kann den restlichen Tag von negativen Gedanken befreien“, sagt Bach.
KI versus Mensch: Wer ist witziger?
Wie alle anderen Fächer kommt auch die Humorforschung an der künstlichen Intelligenz nicht vorbei – und stellt sich die Frage: Kann KI witzig sein? Es kommt auf die KI an, wie der US-Gagschreiber Joe Toplyn mit einem Experiment bewies. Toplyn schrieb einst für die TV-Shows von David Letterman und Jay Leno und gewann vier Emmy Awards. Zuletzt entwickelte er eine Witze-App namens Witscript, deren KI er mit seinen Gags fütterte und trainierte. Dann unterzog er sie einem Härtetest: Er gab der KI acht Themen vor, aus denen sie je einen Witz generieren sollte – und schrieb selbst je einen Witz dazu. Ein Beispiel:
Wissenschafter haben mehr als 400 Meilen unter der Erdoberfläche einen sechsten Ozean entdeckt.
Witz der KI:
Sieht so aus, als wäre der Arbeitsweg von Aquaman gerade ein ganzes Stück länger geworden.
Witz von Gagschreiber Toplyn:
Großartig, ich habe gerade nach einem neuen Ort zum Surfen gesucht. (Komiker imitiert Surfen durch Gefahren.) „Stalaktit! Stalagmit! Fledermäuse!
Gollum!!“
Anschließend testete Toplyn die Witze vor Live-Publikum. Ein befreundeter Comedian gab vor, seine neuesten Witze zu testen und erzählte an zwei Abenden je vier von Toplyns Scherzen und vier KI-Witze. Der Neurowissenschafter Ori Amir maß während der beiden Auftritte Lautstärke und Länge von Applaus und Lachern. Das Ergebnis: Mensch und KI waren in etwa gleich lustig. Die KI-Version des oben genannten Witzes landete übrigens auf Platz eins der KI-Scherze.
Witscript kann nur deshalb gute Gags schreiben, weil ein professioneller Witze-Erzähler ihr die Basis dafür geliefert (und seiner Branche damit möglicherweise keinen Gefallen getan) hat. ChatGPT, Gemini und Konsorten erwiesen sich hingegen bisher als recht humorlos. Der italienische Computerlinguist Alessio Cocchieri versuchte, ihnen für eine Studie Scherze zu entlocken – ohne Erfolg. „Die frei zugänglichen Sprachmodelle tun sich sehr schwer, Humor zu erkennen. Und wenn man sie auffordert, nach einem gewissen Schema selbst Wortspiele zu entwickeln, dann ist das Ergebnis einfach nicht witzig“, erzählte Cocchieri vergangenen Sommer bei einem KI-Kongress in Wien.
Blondinen- und Altherrenwitze sind out
In die Kategorie „nicht lustig“ fallen auch die früher beliebten Blondinen- und Altherrenwitze – auch wenn der US-Präsident das noch nicht ganz glauben will. Eishockey-Star Hilary Knight konterte eine von Donald Trumps Entgleisungen kürzlich mit einer ordentlichen Ladung Humor. Knights Team hatte gerade bei den Olympischen Spielen Gold gewonnen, als sich der Präsident gegenüber dem ebenfalls mit Gold heimgekehrten Männerteam folgenden „Scherz“ nicht verkneifen konnte: „Nun muss ich wohl auch das Frauenteam ins Weiße Haus einladen, um kein Amtsenthebungsverfahren zu riskieren.“
Eishockey-Star Hilary Knight (rechts)
konterte eine von Donald Trumps Entgleisungen kürzlich mit einer ordentlichen Ladung Humor.
Das Frauenteam sagte den Termin in Washington daraufhin ab. Stattdessen besuchten Knight und ihre Kollegin Megan Keller sowie zwei Spieler des Männerteams die TV-Show „Saturday Night Live“. In der Show sagte Hilary Knight: „Eigentlich wollten wir unter uns bleiben, aber dann dachten wir, wir laden die Jungs auch mal ein.“ Megan Keller fügte hinzu: „Wir wollten ihnen auch mal einen kurzen Moment im Rampenlicht gönnen.“
Franziska Dzugan
schreibt für das Wissenschaftsressort, ihre Schwerpunkte sind Klima, Medizin, Biodiversität, Bodenversiegelung und Crime.