Hermann Maier als Einjähriger auf Schlitten im Schnee
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Wunderkinder: Forschung widerlegt Mythos vom frühen Drill

Von klein auf gedrillte Wunderkinder haben die größten Chancen, später alle zu übertrumpfen – so lautet ein Grundsatz in der Nachwuchsförderung. Doch das stimmt so nicht. Wie sollte man Talente am besten fördern?

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Mit zweieinhalb Jahren stand Mikaela Shiffrin das erste Mal auf Skiern. Mit ihrem älteren Bruder Taylor schlitterte sie die Einfahrt ihres Elternhauses in Vail, Colorado, hinab. „Sie haben beide auf kleinen Plastikskiern begonnen, die wir bei Safeway gekauft haben“, erinnert sich Shiffrins Mutter Eileen im Magazin „Ski-Racing“. Sie war selbst Rennläuferin und hat ihre Kinder von klein auf trainiert. Bald fuhr die kleine Shiffrin allen davon. „Ich erinnere mich an meinen ersten richtigen Rennanzug. Er war lila. Ich weigerte mich, ihn auszuziehen. Ich trug ihn jede Nacht im Bett“, erzählte der US-Skistar einmal. Wenn sie einmal frustriert war oder ein Rennen verpatzt hatte (was sehr selten vorkam), ging ihre Mutter mit ihr zum Skifahren ins freie Gelände. Sie sollte sich im Tiefschnee entspannen, bis sie den Rhythmus wieder spürte. „Danach war Mikaelas Welt wieder in Ordnung.“ Mit 15 gab Shiffrin ihr Weltcup-Debüt, mit 17 gewann sie den Slalom von Åre. Heute zählt die 30-Jährige zu den erfolgreichsten Sportlerinnen der Welt.

Mikaela Shiffrin, die bei den Olympischen Spielen in Italien gerade Gold im Slalom gewonnen hat, ist ein klassisches Wunderkind. Die „New York Times“ nannte sie einmal den „Mozart des Skifahrens“ und brachte es damit auf den Punkt. Shiffrin verkörpert das Ideal des begabten Kindes, das durch unermüdliches, fokussiertes Training zum Weltstar wurde. Skifahren als Training, Skifahren zur Entspannung, Skifahren, wenn alle anderen im Sommercamp zelten. Der Sport dominierte Shiffrins Kindheit. Ein Grundsatz, der die Begabtenförderung immer noch dominiert: die Besten in jungen Jahren auszusuchen und sie durch spezifisches Training zu Höchstleistungen zu pushen. Sie hätten so einen Vorteil gegenüber Menschen, die später in die Disziplin einsteigen, so die gängige Annahme.

Mikaela Shirffrin mit US-Flagge tanzend im Schnee
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Aber ist das wirklich der beste Weg, um Spitzenkräfte im Sport, in der Musik, im Schach, in der Forschung auszubilden? Oder umgekehrt gefragt: Sind Wunderkinder unter den Top-Performerinnen und -Performern die Ausnahme oder die Regel? Ein internationales Team um die Sportwissenschafter Arne Güllich und Michael Barth sowie die US-Psychologen Brooke Mcnamara und David Z. Hambrick, ist diesen Fragen nachgegangen – mit überraschenden Ergebnissen.

„Die Begabungs- und Expertise-Forschung hat sich bislang nicht ausreichend mit der Frage beschäftigt, wie sich Menschen entwickelt haben, die im Höchstleistungsalter die Weltspitze in ihrer jeweiligen Disziplin darstellen“, erklärt Michael Barth von der Universität Innsbruck im profil-Gespräch. Deshalb analysierte sein Team in einer sogenannten Metastudie die Karrieren von 34.839 Höchstleistenden nach gemeinsamen Mustern, darunter Nobelpreisträgerinnen, Olympiasieger, Schachgroßmeisterinnen und renommierte Komponisten aus der klassischen Musik (Studie nachzulesen hier).

Franziska Dzugan

Franziska Dzugan

schreibt für das Wissenschaftsressort, ihre Schwerpunkte sind Klima, Medizin, Biodiversität, Bodenversiegelung und Crime.