Richard Scolyer liegt im MRT und zeigt den Daumen hoch
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Weihnachtswunder: Wie ein Hautkrebsforscher seinen Hirntumor bekämpft

Richard Scolyer rechnete nicht damit, Weihnachten 2024 zu erleben – geschweige denn 2025. Sein Selbstexperiment könnte die Behandlung von Glioblastomen revolutionieren.

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Die Diagnose im Mai 2023 war niederschmetternd: Der Gehirnscan von Richard Scolyer, einem berühmten Hautkrebsforscher in Sydney, zeigte ein Glioblastom (die ganze Geschichte hier). Das ist der aggressivste Hirntumor, den man haben kann. Durchschnittlich überleben Patientinnen und Patienten elf Monate. 

Doch damit wollten sich der heute 59-Jährige und seine kongeniale Kollegin Georgina Long nicht abfinden. Die beiden hatten vor knapp 20 Jahren am Melanoma Institute in Sydney eine neue Therapie gegen den fortgeschrittenen schwarzen Hautkrebs etabliert – und die Überlebensraten von fünf auf 55 Prozent katapultiert. Heute ist die Immuntherapie weltweit der Goldstandard bei der Behandlung von Melanomen.

Richard Scolyer in der Mitte seiner Familie: Seine Frau, Sohn und zwei Töchter
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Lange genug leben

um zu sehen, wie seine drei Kinder „wirklich unabhängig werden“. Das ist Richard Scolyers größter Wunsch.

Die Idee, die Georgina Lang schließlich hatte, war so revolutionär wie naheliegend: Warum nicht den Hirntumor mit denselben Waffen schlagen, mit denen sie bereits den Hautkrebs besiegt hatten? Bei der Immuntherapie hemmen monoklonale Antikörper jene Proteine, die das Immunsystem ausbremsen. Damit entfesseln sie die körpereigenen Abwehrzellen, die sich dann auf die Krebszellen stürzen. 

Riskanter Selbstversuch

Georgina Lang musste ihren todkranken Kollegen nicht lange überreden. „Ich habe keine Sekunde überlegt. Wir hatten nichts zu verlieren“, sagte Richard Scolyer der BBC. Das stimmte freilich nicht ganz. Onkologen hatten ihn eindringlich vor dem riskanten Selbstexperiment gewarnt. Weder war sicher, ob die Antikörper ins Gehirn vordringen würden, noch, ob das Immunsystem auf die Therapie anspringen würde. Zudem sind die Antikörper alles andere als leicht verträglich; niemand konnte sagen, ob sie Scolyer die verbleibenden Monate nicht zur Hölle machen würden. Ebenso konnten sie eine Hirnschwellung verursachen – und zum sofortigen Tod führen.

Doch Scolyer ließ sich nicht abschrecken. Mit seinem Team entwickelte er einen auf sich zugeschnittenen Immun-Cocktail, dann legte er sich unters Messer. Glioblastome müssen entfernt werden – auch wenn die Operateure nie alle Tumorzellen erwischen können. Im Schnitt kommt der Krebs nach sieben Monaten zurück, mit viel Glück kann dann noch einmal operiert werden.

Verblüffende Ergebnisse

Wenige Tage nach der OP analysierte Scolyer seinen eigenen Tumor und war begeistert: „Das hat mich umgehauen“, jubelte er auf Facebook. Dort dokumentiert der Forscher, Triathlet und dreifache Familienvater bis heute offen seine Fortschritte als „Versuchskaninchen“, wie er sich selbst nennt. Der Grund für die Freude: Nicht nur fand er Spuren der Medikamente in dem herausoperierten Geschwulst, die Zahl der Immunzellen war im Vergleich zur ersten Biopsie regelrecht explodiert.

Davon motiviert, begann Scolyer ein leichtes Fitnesstraining, versuchte wieder zu arbeiten und absolvierte Therapie um Therapie. Sogar an Wettkämpfen und Kongressen konnte er im Lauf der Zeit wieder teilnehmen. Scolyer feierte seinen Geburtstag im Dezember, dann Weihnachten 2024 – und hatte die durchschnittlichen sieben Monate bis zur Rückkehr des Tumors weit hinter sich gelassen.

Eine neue Therapie für das Glioblastom

Anfang Februar 2025, fast zwei Jahre nach der Diagnose, kehrte der Krebs zurück. Wieder lag Scolyer auf dem OP-Tisch. „Der Großteil konnte entfernt werden, aber nicht alles“, schrieb er auf Facebook. „Die Prognose ist schlecht.“ Der Forscher gab sich selbst drei Monate. 

Und dennoch: Kürzlich saß Richard Scolyer im Fernsehstudio des australischen Senders Nine Network und gab ein Weihnachtsinterview. Er ist dünner geworden, die Haare fallen ihm stellenweise aus, er erzählt von Gedächtnislücken. Nachdem er aber immer noch am Leben sei, wage er wieder Pläne zu schmieden, sagte Scolyer mit Tränen in den Augen. Im März 2026 will er mit seinem Sohn eine viertägige Radtour starten.

Und die Forschung? „Ich könnte auch ein statistischer Ausreißer sein“, erklärte Scolyer. Um die Wirkung seiner Therapie zu überprüfen, brauche es klinische Studien. Und die wird es bald geben: Die australische Regierung stellte einem Krebsforschungszentrum in Sydney dafür kürzlich 5,9 Millionen Dollar (3,3 Millionen Euro) zur Verfügung. Der Name des neuen Lehrstuhls: „Richard Scolyer Lehrstuhl für Hirntumorforschung“.

Franziska Dzugan

Franziska Dzugan

schreibt für das Wissenschaftsressort, ihre Schwerpunkte sind Klima, Medizin, Biodiversität, Bodenversiegelung und Crime.