In der Ambulanz für Gedächtnisstörungen und Demenzerkrankungen an AKH und MedUni Wien wird aktuell der erste Patient mit dem neuen Medikament Lecanemab behandelt. Vereinfacht gesagt „wäscht“ der Antikörper Lecanemab das Protein Amyloid-beta aus dem Gehirn. Dieses verklumpt durch die Erkrankung und verursacht, zusammen mit anderen abgelagerten Eiweißen, irreparable Schäden an den Nervenzellen und deren Verbindungen.
Lequembi, so der Handelsname des von den Pharmakonzernen Biogen und Eisai entwickelten Medikaments, gilt als Durchbruch im Kampf gegen Alzheimer. Elisabeth Stögmann, Präsidentin der Österreichischen Alzheimer Gesellschaft und Leiterin der Ambulanz für Gedächtnisstörungen erklärte profil kürzlich, warum die Arzneimittelbehörde EMA mit der Zulassung des Medikaments in Europa so lange gezögert hat und wie man drohende Hirnschwellungen und Hirnblutungen in den Griff bekommt.
„Lecanemab verspricht keine Heilung, aber es bremst die Krankheit.“
Elisabeth Stögmann, MedUni Wien
In den USA wurde Lecanemab bereits im Juli 2023 zugelassen. Wie geht es den Patientinnen und Patienten dort mit der Therapie?
Stögmann
In der Praxis bestätigt sich, was wir in den klinischen Studien bereits gesehen haben: Die Nebenwirkungsrate ist ähnlich, es sind keine unvorhergesehenen Dinge passiert. Die Studien zeigten: Das Fortschreiten der Alzheimer-Krankheit verzögert sich durch die zweiwöchentlich verabreichten Infusionen um 30 Prozent gegenüber der Placebogruppe. Der Antikörper Lecanemab verspricht keine Heilung, aber er bremst die Krankheit.
Wie sieht es mit den Nebenwirkungen aus, vor allem mit den gefürchteten Hirnschwellungen und Hirnblutungen?
Stögmann
Man konnte die Nebenwirkungen gut managen. Deren Auftreten ist abhängig von dem genetischen Risikofaktor Apoe4. Liegt dieses Gen bei einem Menschen zweimal vor, hat er ein besonders hohes Risiko. In jenen Ländern, wo Träger dieser Genvariante von der Behandlung ausgeschlossen wurden und in denen das MRT zu Therapie- beginn sorgfältig beurteilt wurde, konnte man das Risiko für schwere Nebenwirkungen reduzieren. Die genetische Risikovariante lässt sich durch einen Bluttest leicht feststellen – und ist auch von der Europäischen Arzneimittelbehörde EMA als Ausschlusskriterium festgelegt worden.
Über die Zulassung in Europa gab es heftige Diskussionen. Ursprünglich sollte die EMA das Medikament im Sommer 2024 zulassen, im November gab es noch einen Anlauf. Was war da los?
Stögmann
Diese Zitterpartie war schlimm. Ich hatte seit fast eineinhalb Jahren Patientinnen und Patienten auf der Warteliste, die hofften, das Frühstadium so lange wie möglich stabil zu halten, um für die Therapie noch infrage zu kommen. Für manche ist es nun zu spät, weil sich ihr Zustand weiter verschlechtert hat.
Als Grund wurde stets das Risiko für Nebenwirkungen angegeben, das den Nutzen des Medikaments angeblich nicht rechtfertigte. Durch den Ausschluss der Risikogen-Patienten hätte man das Problem der Nebenwirkungen schon beim ersten Anlauf verbessern können. Da wurden wissenschaftsfeindliche Debatten geführt und Ängste geschürt, die ich nicht nachvollziehen kann.
Es gab bei der klinischen Studie allerdings auch einzelne Todesfälle.
Stögmann
Das stimmt. Hirnödeme können epileptische Anfälle oder akute Symptome eines Schlaganfalls provozieren. Vor allem Letzteres führte zu Todesfällen, weil die Patienten in Ambulanzen irrtümlicherweise mit blutverdünnenden Medikamenten behandelt wurden. Inzwischen weiß man: Wer Lecanemab nimmt, darf auf keinen Fall eine blutverdünnende Schlaganfalltherapie bekommen. Man muss die Nebenwirkungen aber auch in Relation sehen: Zehn Prozent der Patienten entwickeln Hirnödeme oder -blutungen, die durch die engmaschigen MRT-Kontrollen auffallen. Nur ein Viertel zeigt Symptome wie Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit.
Kann man dann noch gegensteuern?
Stögmann
In solchen Fällen pausiert man die Infusionen, macht weitere MRT-Kontrollen und fängt gegebenenfalls zu einem späteren Zeitpunkt wieder an. Diese Hirnödeme bilden sich fast immer binnen weniger Monate zurück.
Die erste klinische Studie lief über 18 Monate. Was passierte mit den Patientinnen danach?
Stögmann
Weil die Wirkung so gut war, wird seit Beendigung der ersten Studie nun in einer offenen Verlängerungsstudie auch die Placebogruppe behandelt. Auch bei ihnen wirkt das Medikament, allerdings hat die Gruppe, die das Medikament von Beginn an bekam, einen Vorsprung. Nach 18 Monaten werden die Infusionen auf eine Gabe pro Monat reduziert, die Patienten müssen sich aus heutiger Sicht wohl auf eine Dauertherapie einstellen.
Alle zwei Wochen wird Lecanemab als Infusion verabreicht.
Mehr als 150.000 Österreicherinnen und Österreicher leiden an Demenz, für 60 bis 80 Prozent davon ist die Alzheimer-Erkrankung verantwortlich. Für wie viele von ihnen kommt Lecanemab infrage?
Stögmann
Für Personen in frühen Stadien der Erkrankung, insbesondere für solche mit einer milden kognitiven Einschränkung (MCI) oder einer milden Demenz. Alzheimer muss außerdem durch einen Test, der das Protein Amyloid-beta nachweist, bestätigt sein. Im ersten Jahr rechne ich österreichweit mit etwa 100 bis 200 Patienten.
Wie viel wird die Therapie kosten?
Stögmann
Laut Angaben der Hersteller etwa 25.000 Euro pro Patientin und Jahr. Es ärgert mich, dass das als zu teuer kritisiert wird. Viele Krebstherapien und andere immunologischen Therapien sind viel teurer.
Man weiß mittlerweile, dass es bei Alzheimer bereits zehn bis 20 Jahre vor Auftreten von Symptomen zu ersten Veränderungen im Gehirn kommt. Bisher gab es kaum Screenings, weil es ohnehin keine Behandlung gab. Muss sich das ändern?
Stögmann
In den USA laufen bereits die ersten Studien mit Amyloid-Antikörpern bei Personen, die noch keine klinischen Symptome entwickelt, aber bereits Hinweise auf Ablagerungen im Gehirn haben. Ich denke, dass die Früherkennung in den nächsten Jahren enorm wichtig werden wird.
Jahrzehntelang tappte die Alzheimerforschung auf der Suche nach einem Medikament im Dunkeln. Was war das Problem?
Stögmann
Sehr viele klinische Studien fielen negativ aus, viele Therapieversuche mit Tau-Antikörpern verliefen erfolglos. Das hat zu viel Frustration geführt, viele Pharmafirmen zogen sich aus dem Feld zurück. Jetzt, da ein neuer Ansatz gefunden ist, herrscht Aufbruchsstimmung.
Die Hoffnung auf die entzündungshemmende Wirkung der Abnehmspritze Ozempic ist auch bei Alzheimer groß.
Aktuell laufen außerdem Studien mit der Abnehmspritze Ozempic. Kann sie wirklich gegen Alzheimer helfen?
Stögmann
Die Hoffnung ist groß. Der Wirkstoff Semaglutid hat sich als wahres Wundermittel gegen Adipositas, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen erwiesen. Nun hoffen wir, dass dessen entzündungshemmende Wirkung auch die durch Alzheimer ausgelöste Neuroinflammation im Gehirn lindern kann. Ich selbst habe am AKH Patienten, die an diesen Studien teilnehmen.
Haben Sie schon erste Ergebnisse?
Stögmann
Nein, die Studie ist doppelblind, das heißt, weder ich noch die Patienten wissen, ob sie den Wirkstoff oder ein Placebo bekommen. Die ersten Auswertungen werden wir im Dezember sehen.
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Franziska Dzugan
schreibt für das Wissenschaftsressort, ihre Schwerpunkte sind Klima, Medizin, Biodiversität, Bodenversiegelung und Crime.