Die Fassade der Österreichischen Ärztekammer in Wien mit zwei Fenstern.
Kammern im Geldrausch
Der Rücktritt von Wirtschaftskammer-Präsident Harald Mahrer hat nicht ein Problem gelöst – er hat eines sichtbar gemacht. Denn was dort aufgeflogen ist – hohe Beraterhonorare, fragwürdige Vergaben, enge politische Verflechtungen – ist kein Einzelfall. Es ist die logische Folge einer Praxis, in der Geld, Macht und Netzwerke über Jahre hinweg zu eng miteinander verwoben sind.
Genau dieses Muster zeigt sich jetzt auch in der Wiener Ärztekammer. Auch dort rumort es – geht es um externe Berater mit fünfstelligen Monatsverträgen. Um undurchsichtige Thinktank-Konstruktionen, die jetzt schon viel Geld verschlingen, obwohl es sie noch gar nicht gibt. Um Leistungen, die schwer greifbar sind. Um Entscheidungen, die intern längst gefallen sind, bevor sie formal beschlossen werden. Und um die immer lautere Frage: Wofür wird hier eigentlich bezahlt?
Für konkrete Arbeit – oder für Einfluss? Die Parallelen zur Wirtschaftskammer sind offensichtlich. Nicht, weil jemand voneinander abgeschaut hätte. Sondern weil die Rahmenbedingungen ähnliche Dynamiken begünstigen. Wo Einnahmen stabil sind und Kontrolle oft erst im Nachhinein greift, verändert sich der Umgang mit Geld.
Dann wird aus sorgfältiger Abwägung Routine. Und aus Routine eine Selbstverständlichkeit.
Genau dort beginnen die Probleme. Posten werden entlang parteipolitischer Linien vergeben. Rote, Schwarze, Blaue. Nicht zwingend nach Kompetenz, sondern nach Nähe. Wer gut vernetzt ist, bleibt im Spiel. Wer dazugehört, bekommt Zugang. Der Rest ergibt sich.
Ein Auftrag hier, ein Berater dort. Verträge, die verlängert werden, obwohl Zweifel bestehen. Konstruktionen, in denen politische Loyalität schwerer wiegt als nachweisbare Leistung. Solange das im Hintergrund bleibt, funktioniert es. Bis es auffällt.
Revolte!
In der Wirtschaftskammer war dieser Punkt erreicht. Und entscheidend war nicht nur die öffentliche Kritik – sondern auch die interne. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die nicht mehr bereit waren, alles mitzutragen. Die sehen, wie Geld fließt. Wie Entscheidungen zustande kommen. Und die beginnen, das infrage zu stellen.
So ist das jetzt im ORF: Ein initiales Ereignis hat dazu geführt, dass nun vieles aufbricht und nicht mehr akzeptiert werden will, auch wenn die Beharrungskräfte nicht zu unterschätzen sind. Wer sich am Ende durchsetzt, ist noch offen.
In der Ärztekammer ist genau dieser Punkt jetzt erreicht. Auch hier wächst der Widerstand. Auch hier wird offener darüber gesprochen, was lange als selbstverständlich galt. Dass Berater hohe Summen erhalten, ohne dass klar ist, welchen konkreten Mehrwert sie liefern. Dass irgendwelche Thinktanks gegründet werden sollen, ohne dass der Sinn wirklich erkennbar ist. Dass politische Logik oft stärker wirkt als inhaltliche Argumente.
Diese Art, Macht zu organisieren, wirkt zunehmend aus der Zeit gefallen.
Sie stammt aus einer politischen Kultur, die stark auf Netzwerke setzte. Auf Loyalität. Auf persönliche Verbindungen – oft gewachsen in Männerbünden, Bruderschaften, Freimaurerzirkeln oder informellen Kreisen. Man kannte einander, man half einander, man vergab Aufträge. Und man stellte nicht zu viele Fragen.
Das hat lange funktioniert.
Aber es funktioniert immer weniger.
Auch, weil sich die Führung verändert.
Frauen sind Männerbünde egal
Mit Martha Schultz in der Wirtschaftskammer und Ingrid Thurnher im ORF rücken Frauen an die Spitze von Institutionen, die jahrzehntelang von genau solchen Strukturen geprägt waren. Und sie signalisieren deutlich: Ein „Weiter wie bisher“ wird es nicht geben.
Vielleicht auch, weil sie sich diesen alten Loyalitäten nicht verpflichtet fühlen. Weil sie nicht Teil jener Netzwerke sind, die Entscheidungen vorstrukturieren. Und weil sie wissen, dass sich solche Konstruktionen heute schwerer rechtfertigen lassen.
Denn eines ist klar: Wir sind nicht mehr in den 1980er-Jahren, in denen Politik mit Geld gemacht wurde, ohne dass jemand genauer hingeschaut hat.
Heute wird hingeschaut.
Die Wirtschaftskammer hat gezeigt, was passiert, wenn sie sichtbar wird. Die Ärztekammer steht an genau diesem Punkt. Ob es ein Kipppunkt ist, wird sich weisen.
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