Pressegespräch zum ORF-Stiftungsratsplenum
Bild anzeigen
Die ORF-Redaktion will die Stiftungsratsvorsitzenden Heinz Lederer und Gregor Schütze loswerden – die Ärztekammer hat den beiden die Berater-Honorare gekürzt. Im ORF brodelt es weiter – es werden wohl noch einige gehen müssen.

Drucken

Schriftgröße

Hören Sie sich diesen Artikel an

Es ist ja grundsätzlich erfreulich: In Sachen ORF werden langsam einige munter. Allen voran SPÖ-Medienminister Andreas Babler, der sich bisher auffallend vornehm zurückgehalten hat. Wochen, nachdem profil die Missstände aufgezeigt hat, spricht er nun plötzlich von einer „wahren Katastrophe“ rund um Machtmissbrauch und Grenzüberschreitungen – und kündigt eine Reform hin zu einem „freieren und stärkeren ORF“ an.

Die naheliegende Frage: Wie genau soll das aussehen? Indem er auch den von seiner Partei entsandten Stiftungsratschef Heinz Lederer zum Rücktritt auffordert, der seit Wochen wegen Compliance-Problemen und Interventionen in der Kritik steht? Lederer genießt jedenfalls weiterhin den Schutz von Wiens SPÖ-Bürgermeister Michael Ludwig. Und formalrechtlich kann die SPÖ ihren eigenen Mann laut ORF-Gesetz ohnehin nicht so einfach abziehen. Offiziell zumindest. Inoffiziell ist im politischen Betrieb bekanntlich vieles möglich.

Der Druck auf die SPÖ steigt – und dürfte heute noch einmal deutlich zunehmen.

Im ORF steht eine Art Aufstand bevor: Am Vormittag tagt der Redaktionsrat, jenes Gremium, das die redaktionelle Unabhängigkeit sichern soll. Der Befund dort ist ernüchternd: Genau diese Unabhängigkeit sehen viele derzeit nicht gewährleistet. Der Grund sind wiederholte Interventionen aus der Stiftungsratsspitze – namentlich durch Heinz Lederer (SPÖ) und Gregor Schütze (ÖVP), die beide hauptberuflich als PR-Berater tätig sind. Eine Konstellation, die man wohl nur noch in Österreich für unproblematisch hält.

Innerhalb des Redaktionsrats mehren sich Stimmen, die heute offen den Rücktritt der beiden fordern wollen.

Im Newsroom selbst wurde in den vergangenen Tagen intensiv Bilanz gezogen: Welche Kontakte gab es zu Stiftungsräten? Wo blieb es beim Austausch – und wo begann die Intervention? Die Spannbreite reicht von routinemäßigen Gesprächen bis hin zu handfesten Beschwerden und direkten Einflussnahmen.

Brieffreundschaften

Besonders prominent: jener Fall, über den profil zuerst berichtet hat. Ende Juni 2025 wandte sich Ärztekammer-Präsident Johannes Steinhart an seine PR-Berater Heinz Lederer und Gregor Schütze – beide frisch an der Spitze des ORF-Stiftungsrats. Für monatlich 12.000 Euro ließ er sich beraten, unter anderem darüber, wie man mit angeblich „tendenziöser“ Berichterstattung im Ö1-Mittagsjournal zu Primärversorgungszentren umgeht.

Die Erwartungshaltung war klar formuliert: Die beiden sollten ihren Einfluss im ORF geltend machen, damit sich solche Berichte „nicht wiederholen“. Lederer und Schütze leiteten die Beschwerde pflichtbewusst an Generaldirektor Roland Weißmann weiter. Der wiederum fragte in der Chefredaktion nach – die die Vorwürfe geschlossen zurückwies. Damit war die Sache formal erledigt. Der Beigeschmack bleibt.

Und genau dieser Beigeschmack beschäftigt heute auch die Redaktionsvertretung. Sollte sie tatsächlich Rücktritte fordern, wird sich auch der Stiftungsrat nicht ewig wegducken können. Immerhin: Die Ärztekammer hat bereits reagiert – nach interner Kritik wurden die üppigen Honorare von Lederer und Schütze gekürzt. Offiziell wegen „Sommerpause“. Eine elegante Umschreibung für: Es wurde zu unangenehm.

Weißmann weiß nichts 

Apropos unangenehm: der Fall Weißmann. Der soll von Ingrid Thurnher bereits gekündigt sein – weiß davon aber offenbar noch nichts Offizielles. Die Interimsdirektorin ließ seine Kündigung zwar öffentlich ausrichten, vergaß aber, sie korrekt zuzustellen. Noch heikler: Offenbar wurde auch der Betriebsrat nicht eingebunden, womit die Kündigung rechtlich auf wackeligen Beinen steht. Ein Anfängerfehler mit potenziell millionenschweren Folgen.

Denn genau darum geht es: viel Geld. Während der ORF ein Sparprogramm durchziehen muss, könnten Fehltritte im aktuellen (wie alten) Management Millionen kosten – Geld, das am Ende bei Jobs und Programm fehlt. Ob über Managergehälter oder großzügige Pensionslösungen wie im Fall Pius Strobl: Bezahlt wird alles aus Gebührengeldern. Für den Journalismus ist das eine denkbar schlechte Nachricht.

Weißmann ist nicht der Einzige, der seinen Posten räumen musste. Auch Oliver Böhm, Chef der ORF-Enterprise, wurde vorläufig beurlaubt. Gegen ihn stehen schwere Compliance-Vorwürfe im Raum – es geht um fragwürdige Spesen und problematisches Verhalten. profil sind zudem Beschwerden von Kunden bekannt, die Böhms Auftreten massiv kritisieren. Auch intern wird sein Führungsstil alles andere als unproblematisch beschrieben.

Drogenpartys auf Chefebene

Und damit nicht genug: Auf Interimschefin Ingrid Thurnher warten noch weitere Baustellen. Im ORF brodelt es an mehreren Ecken – eine davon ist besonders heikel. Seit Längerem kursieren im Haus Berichte über Drogenprobleme bei einzelnen Führungskräften. Am Küniglberg ist das kein Geheimnis, es gibt Zeugen – und sogar einen Fall eines längeren Krankenstands wegen Suchtproblemen, offenbar ohne nachhaltige Konsequenzen.

Offiziell wird dazu nicht ermittelt, es liege keine Anzeige vor, heißt es im Hintergrund. Die Frage ist nur: Na und? Wie lange will man noch warten, wenn die Hinweise längst auf dem Tisch liegen? Man darf bei Offensichtlichem ruhig in die Offensive gehen und nicht erst reagieren, wenn sich die Schlinge zu sehr zugezogen hat. Nur dann wird man eine nachhaltige Änderung des Betriebsklimas erreichen. Und das braucht der ORF wohl am dringendsten, um wieder auf Schiene zu kommen.    

Anna Thalhammer

Anna Thalhammer

ist seit März 2023 Chefredakteurin des profil und seit 2025 auch Herausgeberin des Magazins. Davor war sie Chefreporterin bei der Tageszeitung „Die Presse“.