Nobelpreisträgerin Mohammadi: „Ich kämpfe jeden Tag – auch im Gefängnis“
Die iranische Friedensnobelpreisträgerin Narges Mohammadi wird seit Jahren vom Regime unterdrückt. Nun wurde sie aus gesundheitlichen Gründen vorübergehend aus der Haft entlassen, und profil-Autor Arash* hat sie zu Hause in Teheran besucht. Porträt einer Frau, die nicht aufgibt.
08.06.26
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* Seit Anfang März berichtet Arash, dessen vollen Namen die Redaktion aus Sicherheitsgründen nicht nennt, in der Reihe „Briefe aus Teheran“ über den Alltag in dem noch immer im Krieg befindlichen Land.
In der Wohnung in der Taherian-Straße brennt wieder Licht. Lange war es dort dunkel geblieben, nun kommen wieder Besucher. Am Eingang des Stiegenhauses hängt ein handgeschriebener Zettel: „Auf ausdrückliche Anweisung der behandelnden Ärztin sind Besuche bei Frau Narges Mohammadi nur zwischen 18 und 20 Uhr möglich.“
Hier, in einem Apartment in der iranischen Hauptstadt Teheran, lebte die Journalistin, Autorin und Menschenrechtsaktivistin bis 2009 gemeinsam mit ihrem Ehemann und ihren Kindern. Nach den Protesten gegen die mutmaßlich manipulierte Präsidentschaftswahl vom Juni 2009 und dem Beginn der regimekritischen „Grünen Bewegung“ änderte sich ihr Leben grundlegend. Mohammadi wurde inhaftiert. Ihr Mann, der Journalist und politische Aktivist Taghi Rahmani, ging 2012 ins Exil. Die gemeinsamen Zwillinge Ali und Kiana, damals acht Jahre alt, verließen den Iran kurz darauf und zogen zu ihrem Vater nach Frankreich.
Seitdem war es meistens dunkel in der Wohnung. In den vergangenen zwei Jahrzehnten wurde Mohammadi immer wieder festgenommen und verurteilt – wegen ihres Engagements für Menschenrechte, ihrer Kritik an der Todesstrafe und ihres Einsatzes für Frauenrechte. Rückzug kam für sie dennoch nie infrage. Ihre Beharrlichkeit und die persönlichen Kosten ihres Engagements machten sie international bekannt.
Mohammadi war auch inhaftiert, als sie im Jahr 2023 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde. Anfang dieses Jahres wurde sie erneut verurteilt – wegen „Verschwörung“ und „propagandistischer Aktivitäten“. Während der Trauerfeier für einen bekannten Menschenrechtsanwalt hatte Mohammadi die geistliche Führung des Landes kritisiert.
Nun wurde die 54-Jährige aus dem Frauengefängnis in Zandschan auf medizinischen Hafturlaub entlassen – wie lange, ist unklar. „Unser tägliches Leben im Iran ist ein Kampf“, sagt sie. „Und ich führe diesen Kampf jeden Tag, überall – selbst im Gefängnis.“
Eine Familie zwischen Gefängnis und Exil
Im Eingangsbereich der Wohnung hängen noch immer Kinderzeichnungen von Ali und Kiana an den Wänden. Für einen Moment wirkt es, als wäre die Zeit stehen geblieben, als wären die Zwillinge noch Kinder. Ein Foto an der Wand gegenüber erzählt eine andere Geschichte: Es zeigt die beiden als 18-Jährige bei der Verleihung des Friedensnobelpreises an ihre Mutter im Jahr 2023. Die Zwillinge waren nach Oslo gekommen, um die Medaille für ihre inhaftierte Mutter entgegenzunehmen.
Das letzte Mal sah Mohammadi ihre Kinder, als diese acht Jahre alt waren. Heute sprechen Ali und Kiana nur noch gebrochen Persisch. Dennoch verfolgen sie die Entwicklungen im Iran aufmerksam und interessieren sich für die politischen und gesellschaftlichen Ereignisse in ihrem Herkunftsland. Ali und Kiana kennen ihre Mutter vor allem von Fotografien, kurzen Telefonaten und aus den Nachrichten. Für die Öffentlichkeit wurde Mohammadi zu einer bekannten Menschenrechtsaktivistin. Für ihre Kinder ist sie eine Mutter, die sie nicht in die Arme schließen konnte.
Der Nobelpreis als Wendepunkt
Manche Weggefährten sagen, Mohammadis politische Arbeit habe erst in ihrer Ehe mit Taghi Rahmani begonnen. Sie selbst widerspricht dieser Darstellung. Bereits während ihrer Studienzeit habe sie sich politisch engagiert, erzählt sie im privaten Kreis. Sie stamme aus einer politisch interessierten, regimekritischen Familie und habe schon früh an politischen Treffen in ihrer Heimatstadt Zandschan teilgenommen.
Zu ihrer öffentlichen Bekanntheit trugen ihre Interviews über die politische Situation im Iran bei, ihre Kampagne „Legam“ zur Abschaffung der Todesstrafe sowie ihr Projekt über Isolationshaft. In Verlagen außerhalb des Iran veröffentlichte sie das zweibändige Werk „Weiße Folter“, in ihrem gleichnamigen Dokumentarfilm berichten ehemalige Gefangene über ihre Erfahrungen in Einzelhaft.
Mohammadi begründet ihre Beschäftigung mit dem Thema auch mit den eigenen Erfahrungen in Isolationshaft sowie mit den Erzählungen prominenter politischer Gefangener wie Mohammad Ali Amoui. Nach Abschluss des Projekts wurde sie erneut festgenommen. Im Gefängnis erhielt sie telefonisch von ihrem Bruder die Nachricht, dass ihr der Friedensnobelpreis zugesprochen worden war.
Sie schlugen Narges, als hätten sie einen persönlichen Hass auf sie.
Ein Zeuge über Mohammadis Verhaftung Ende 2025
Mitgefangene berichten, die Nachricht habe sich rasch im Frauentrakt des berüchtigten Evin-Gefängnisses verbreitet. Viele Frauen seien daraufhin in ihre Zelle gekommen, um mit ihr zu feiern. Neben der politischen und symbolischen Bedeutung des Nobelpreises brachte die Auszeichnung noch etwas anderes mit sich: ein hohes Preisgeld, über das im Umfeld Mohammadis bald intensiv gesprochen wurde.
Mohammadis Nobelpreis ist mit rund einer Million Euro dotiert, doch zugreifen kann sie darauf bis heute nicht. Internationale Sanktionen gegen den Iran sowie rechtliche Einschränkungen der Islamischen Republik gegen Mohammadi verhinderten den Zugang zu den Mitteln. Es kursierten Berichte, wonach der iranische Staat Steuern auf das Preisgeld einheben wolle und im Fall einer Auszahlung darauf zugreifen könnte.
Ganz unbegründet sind solche Befürchtungen nicht. Nach der Verleihung des Friedensnobelpreises an die Menschenrechtsanwältin Shirin Ebadi 2003 beschlagnahmten iranische Behörden unter anderem das Gebäude ihrer Organisation „Zentrum für Menschenrechtsverteidiger“, das mit Nobelpreisgeldern finanziert worden war.
Verhaftungen, Verhöre, Gewalt
Vor dem Nobelpreis war Narges Mohammadi mindestens fünfmal festgenommen worden. Rund ein Jahrzehnt ihres Lebens verbrachte sie im Gefängnis oder unter gerichtlichen Auflagen und Sicherheitsbeschränkungen. Nach der Auszeichnung glaubten viele, sie genieße nun eine Art internationalen Schutzstatus, und die staatlichen Repressionen würden abnehmen. Doch die Serie aus Verhaftungen, Vorladungen und neuen Verfahren setzte sich fort. Kaum wurde über einen Hafturlaub oder eine vorübergehende Lockerung berichtet, tauchte Mohammadis Name erneut in Meldungen über Ermittlungen oder Festnahmen auf. Gesundheitliche Probleme, Operationen und ärztliche Warnungen änderten daran nichts.
„Der Friedensnobelpreis garantiert keine Straffreiheit“, sagte auch der iranische Botschafter in Österreich, Eshragh Jahromi, Ende März im profil-Interview.
Bei der Beerdigung des Anwalts Khosrow Alikurdi in Maschhad Ende 2025 wurde Mohammadi erneut verhaftet. Alikurdi hatte vor seinem bis heute ungeklärten Tod in mehreren Videos erklärt, er werde von Sicherheitsbehörden bedroht. Als Mohammadi bei der Trauerfeier zu den Anwesenden sprechen wollte, griffen Sicherheitskräfte ein. Augenzeugen berichten von massiver Gewalt.
„Sie schlugen Narges, als hätten sie einen persönlichen Hass auf sie“, erzählt ein Zeuge der Szene in Maschhad. „Ein Mann in Zivil zog sie an den Haaren, ein anderer trat ihr von hinten gegen die Beine. Sie wurde mehrfach über den Boden geschleift, dabei wurden ihr Haare ausgerissen.“
Weitere bekannte Regimekritiker, darunter die Aktivistin Sepideh Gholian, wurden festgenommen und monatelang in einer Haftanstalt in Maschhad festgehalten. Mohammadi sagt: „Unsere Körper waren noch lange von den Spuren der Schläge übersät. Die Verletzungen von Sepideh Gholian sind bis heute sichtbar.“
Die Bedingungen waren härter, als man es sich vorstellen kann.
Narges Mohammadi über die Haft in Zandschan
Die iranische Justiz eröffnete ein weiteres Verfahren gegen Mohammadi, am Ende stand eine zusätzliche Haftstrafe von sieben Jahren und sechs Monaten. Zur Verbüßung wurde sie aus Maschhad in das allgemeine Gefängnis der Stadt Zandschan verlegt – eine Haftanstalt ohne politischen Trakt, in der sie gemeinsam mit teils gewaltbereiten Straftäterinnen untergebracht war.
„Die Bedingungen waren härter, als man es sich vorstellen kann“, sagt sie über die Zeit in Zandschan. „Hygiene und Essen waren in einem katastrophalen Zustand. Weil ich im normalen Trakt untergebracht war, wurde ich mehrfach von wegen Mordes angeklagten Gefangenen bedroht.“
Weil die iranische Staatsanwaltschaft eine Zeit lang jeden Kontakt untersagte, warnte ihr Anwalt erst spät öffentlich vor ihrem Gesundheitszustand. Dieser sei „äußerst kritisch und besorgniserregend“.
Die Spuren der Haft
Die Jahre im Gefängnis, die Verhöre, Gewalt und unzureichende medizinische Versorgung haben Mohammadis Körper sichtlich gezeichnet. Sie leidet unter schweren Herz-Kreislauf-Erkrankungen, verengten und teilweise blockierten Herzgefäßen und extremen Blutdruckschwankungen, chronischen Knieschmerzen sowie wiederkehrender Bewusstlosigkeit.
Ich war die ganze Zeit isoliert und wusste nicht, dass schon vor dem Krieg Tausende Demonstranten auf grausame Weise auf den Straßen getötet worden waren.
Narges Mohammadi
Heute, in ihrer Wohnung in Teheran, wirkt Mohammadi etwas stabiler. Trotz Erschöpfung und körperlicher Schwäche spricht sie mit jedem einzelnen Besucher und erkundigt sich nach den Ereignissen des vergangenen Winters. Während der Tötung zahlreicher Demonstrierender im Jänner war sie im Gefängnis von Maschhad inhaftiert. Den Beginn des Krieges verfolgte sie im Fernsehen im Gefängnis von Zandschan. „Der Krieg war ein gewaltiger Schock für mich und hat mich psychisch sehr belastet“, sagt sie. „Ich war die ganze Zeit isoliert und wusste nicht, dass schon vor dem Krieg Tausende Demonstranten auf grausame Weise auf den Straßen getötet worden waren.“
Mohammadi versucht, Haltung zu bewahren. Zwar hat sie inzwischen fast 18 Kilogramm Gewicht verloren, ihr Blick wirkt erschöpft und kraftlos. Dennoch steht sie auf, wenn Besucher ihre Wohnung betreten, begrüßt sie mit einem Lächeln und spricht fast immer über die Situation von Frauen in den Gefängnissen von Zandschan und Maschhad. Ein ehemaliger politischer Gefangener sagt: „Narges versucht immer, die Stimme jener zu sein, die selbst nicht sprechen können.“
Eine Freundin besucht sie gemeinsam mit ihren Kindern. Beim Anblick der Kinder hellt sich Mohammadis Gesicht auf. Laut und herzlich begrüßt sie die beiden, scherzt mit ihnen und lacht. Für einen kurzen Moment kehren Licht und Lebendigkeit in ihre Augen zurück, und auch die anderen Anwesenden beginnen zu lächeln. Kurz darauf treffen zwei Mütter ein, die um ihre getöteten Kinder trauern. Mohammadi hatte in den vergangenen Jahren engen Kontakt zu zahlreichen Familien von Opfern staatlicher Gewalt. Nun stehen die schwarz gekleideten Frauen mit Blumensträußen und Schachteln voller Cremeschnitten vor ihr. Sie umarmen und küssen sie. Für einige Minuten entsteht eine stille, beinahe zärtliche Form der Nähe und Solidarität.
Mohammadis Ehemann Taghi Rahmani betonte mehrfach in sozialen Netzwerken, sie habe vor ihrer Haft keine ernsthaften gesundheitlichen Probleme gehabt. Die Krankheiten seien Folge jahrelangen systematischen Drucks im Gefängnis. Trotz ihres Gesundheitszustands beschreiben Weggefährten Mohammadi als bemerkenswert gefasst. Menschen aus ihrem Umfeld sagen, sie habe nicht nur ihre eigene Entschlossenheit bewahrt, sondern auch anderen Gefangenen Kraft gegeben.
Mohammadi Ende 2024 in ihrer Wohnung in Teheran: mit Rollator getanzt, um den Freunden Mut zu machen.
Genau das scheint der iranische Staat nicht hinnehmen zu wollen. Immer wieder wurde versucht, Mohammadi öffentlich zu diskreditieren. Zum Beispiel kurz vor ihrer Festnahme in Maschhad: Nach einer Knieoperation war sie vorübergehend aus dem Gefängnis entlassen worden. In ihrer Wohnung organisierte sie ein kleines Treffen mit politischen und zivilgesellschaftlichen Aktivisten.
Videos von diesem Abend, die Mohammadi mit einem Rollator beim Tanzen zeigen, verbreiteten sich in sozialen Netzwerken – und regimenahe Accounts warfen ihr vor, ihre Verletzung übertrieben oder gar vorgetäuscht zu haben. Die Operation wäre Teil einer Inszenierung gewesen, um internationale Aufmerksamkeit zu erzeugen. Mohammadis Gäste an diesem Abend schildern, Mohammadi habe Schmerzen gehabt und nur kurz ohne Gehhilfe stehen können. Getanzt habe sie, um ihren Freunden Mut zu machen.
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