Wer wird den Krieg gewinnen?
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US-Präsident Donald Trump verkündete bereits Mitte der Woche, er sei der Gewinner. Zudem lassen die Gegenschläge der iranischen Streitkräfte bereits deutlich nach. Und dennoch hat das islamistische Regime in Teheran immer noch Chancen, mit einem Propaganda-Sieg aus der Auseinandersetzung hervorzugehen, denn ein Krieg wird selten ausschließlich militärisch entschieden. Welche ihrer Ziele kann die iranische Führung erreichen, welche die beiden Alliierten USA und Israel? profil schildert die zwei Perspektiven des Krieges.
Wie die USA und Israel siegen können
Diese Prognose ist einfach: Die Operation „Epischer Zorn“ wird, wann immer sie endet, der erfolgreichste Krieg aller Zeiten gewesen sein, die USA werden alle ihre Ziele erreicht haben, und der Nahe Osten wird dem Frieden näher gekommen sein, als man je für möglich gehalten hätte. So jedenfalls wird zweifellos die Bilanz von US-Präsident Donald Trump aussehen, dem Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte. Wie groß wird der Wahrheitsanteil an dieser Bilanz sein?
Für Trumps euphorische Deutung seines Krieges im Iran sprechen jedenfalls zwei Faktoren: erstens die haushohe militärische Überlegenheit der USA und Israels gegenüber dem Iran, und zweitens die Tatsache, dass sich der US-Präsident nie auf konkrete, überprüfbare Kriegsziele festlegen ließ. Doch bei allem Propaganda-Nebel und strategischer oder auch bloß fahrlässiger Sprunghaftigkeit haben die USA und Israel unleugbare Vorteile auf ihrer Seite, um den Krieg zumindest in einzelnen Punkten mit einem herzeigbaren Erfolg zu beenden.
Das Atomprogramm wird – endgültig – beseitigt
Das Weiße Haus wird nach Beendigung des Krieges wohl bekannt geben, dass vom Iran keine Nukleargefahr mehr ausgehe, da alle Atomanlagen – Fordow, Natanz und Isfahan – endgültig vernichtet seien. Das hatte Trump zwar bereits nach dem Zwölftagekrieg im Juni 2025 als Erfolg gemeldet, aber die Behauptung, dass weitere Bombardements noch mehr Schaden an den Anlagen verursacht haben, ist schwer zu widerlegen.
Uneingeschränkte Lufthoheit
Kampfjets auf dem Flugzeugträger USS Abraham Lincoln.
© AFP/APA/AFP/US NAVY and US CENTRAL COMMAND/HANDOUT
Uneingeschränkte Lufthoheit
Kampfjets auf dem Flugzeugträger USS Abraham Lincoln.
Uneingeschränkte Lufthoheit
Kampfjets auf dem Flugzeugträger USS Abraham Lincoln.
Allerdings lagern im Iran nach Angaben der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) weiterhin rund 400 Kilogramm Uran, das zwar nicht waffentauglich sei, mittels weiterer Anreicherung aber dazu gemacht werden könnte. Um dieses Uran aufzuspüren und abzutransportieren, müssten die USA oder Israel Spezialeinheiten im Iran einsetzen. Gelänge eine solche Mission, wäre tatsächlich ein wichtiges Kriegsziel erreicht.
Der Iran wird militärisch dezimiert
Das Regime in Teheran stellt auch ohne Atomwaffen eine Bedrohung für die Region und insbesondere für Israel dar. Mit seinem Arsenal an Kurz- und Mittelstreckenraketen kann der Iran Ziele am Golf und bis nach Südosteuropa angreifen. In seiner ersten Videobotschaft am Tag des Kriegsbeginns behauptete Donald Trump, der Iran könne „bald“ auch über Langstreckenraketen verfügen, die sogar den nordamerikanischen Kontinent erreichen könnten. Dafür gibt es zwar keinen Beleg, aber bereits die Vernichtung des tatsächlichen Raketenarsenals des Iran ist eines der deklarierten Kriegsziele.
Bereits in der zweiten Kriegswoche haben die Israelischen Streitkräfte (IDF) und die US-Streitkräfte nach eigenen Angaben uneingeschränkte Lufthoheit über dem Iran. Die IDF melden, sie hätten bisher mehr als die Hälfte aller Raketenabschussrampen und zwei Drittel aller Raketen des Feindes zerstört, dazu noch die meisten Kampf- und Transportflugzeuge der iranischen Luftwaffe. Es ist damit zu rechnen, dass der Iran bis Kriegsende den Großteil seiner militärischen Infrastruktur eingebüßt haben wird.
Aus Sicht Israels ebenso wichtig ist das endgültige Auslöschen der mit dem Iran verbündeten paramilitärischen Hisbollah im Libanon. Seit Kriegsbeginn bombardieren die IDF den Süden des Landes sowie die Hochburgen der Hisbollah in der Hauptstadt Beirut.
Regimeanhänger in Teheran
© AFP/APA/AFP/ATTA KENARE
Regimeanhänger in Teheran
Regimeanhänger in Teheran
Freude nach der Bestellung Mojtaba Chameneis zum Obersten Führer
Das Mullah-Regime wird untergraben
Donald Trump machte seinen Wunsch, das Regime des Iran zu stürzen, in unterschiedlichen Formulierungen mehr oder weniger deutlich: „Wenn wir fertig sind, übernehmt die Regierung!“, riet der US-Präsident in seiner ersten Ansprache nach Kriegsbeginn der iranischen Bevölkerung. Am 5. März gab er bekannt, dass die USA das Recht beanspruchen, mitzubestimmen, wer der nächste Führer des Iran sei. Bisher scheint das islamistische Mullah-Regime jedoch nicht zu wanken. Der sogenannte Enthauptungsschlag, bei dem gleich zu Beginn des Krieges Ayatollah Ali Chamenei und sieben seiner Familienmitglieder, darunter seine Ehefrau und eine seiner Töchter, von einer Rakete getötet wurden, führte lediglich zu einem Generationenwechsel. Jetzt ist Mojtaba Chamenei, Ali Chameneis Sohn, Oberster Führer des Iran.
Doch die Wut eines großen Teils der Bevölkerung auf die theokratische Führung sollte nicht unterschätzt werden, und darauf setzen die USA und Israel. Sie bombardieren Hauptquartiere, Basen und Kommandanten der iranischen Sicherheitskräfte – der Revolutionsgarden, der Polizei und der Basij-Milizen –, um deren Fähigkeit zu schwächen, die Protestbewegung in Schach zu halten. Am Mittwoch drohte Polizeichef Ahmed-Resa Radan, dass „Demonstranten, die auf Geheiß des Feindes auf die Straße gehen“, vom Regime als „Feinde“ behandelt würden. Die Warnung kann als erstes Anzeichen der Nervosität des Regimes gedeutet werden. Zuvor hatte Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu die iranische Bevölkerung erneut aufgerufen, die Machthaber zu stürzen.
Das ist das existenzielle Match, dessen Ausgang das Urteil über diesen Krieg wesentlich bestimmen wird. Gelingt es, das Regime so sehr zu schwächen, dass es noch während des Krieges – oder bald danach – fällt, werden die USA und Israel dies als ihren Sieg feiern.
Die Israelis halten durch
Die israelische Bevölkerung steht mit deutlicher Mehrheit hinter dem Waffengang. 82 Prozent der Bevölkerung unterstützen die Operation „Brüllender Löwe“ der IDF, und 57 Prozent der jüdischen Israelis sind der Meinung, der Krieg solle fortgesetzt werden, bis das Regime in Teheran Geschichte ist.
U.S. And Israel Wage War Against Iran
© Getty Images/Majid Saeedi/Getty Images
U.S. And Israel Wage War Against Iran
Wie das Regime des Iran siegen kann
Mit der Tötung des Obersten Führers des Iran Ali Chamenei vor zwei Wochen mag den USA und Israel der Enthauptungsschlag gelungen sein. Doch gerade einmal eine Woche später trat ein neuer Mann das Amt an. Mit der Ernennung von Mojtaba Chamenei als Nachfolger seines Vaters sendet Teheran ein Signal an die USA und Israel: Wir kapitulieren nicht, sondern machen weiter wie bisher.
Das Regime lebt – und es verfügt über Trümpfe, die ihm am Ende einen Propagandasieg bescheren können.
Das Regime ist stabiler als gedacht
Der Iran hat immer noch Unterstützer. Gratulationen erhielt der neue Oberste Führer von Chinas Staatschef Xi Jinping, Russlands Präsident Wladimir Putin, Georgiens Ministerpräsident Irakli Kobakhidze, dem Sultan des Oman, Haitham bin Tariq Al Said, und dem Premierminister des Irak, Mohammed Shia al-Sudani.
Donald Trump hat sich den neuen Anführer des Iran jedenfalls anders vorgestellt. Er sei „nicht glücklich“ über die Ernennung Chameneis, sagte der US-Präsident vergangene Woche. An der Spitze der iranischen Führung hätte er gern jemanden, der keine Gefahr für Israel darstellt und mit dem er lukrative Öldeals aushandeln kann. Das Gegenteil ist der Fall: Mojtaba Chamenei ist der Wunschkandidat der mächtigen Revolutionsgarden und gilt als noch radikaler als sein Vater.
Dem Aufruf Trumps und Netanjahus, gegen das Regime auf die Straße zu gehen, kann das iranische Volk derzeit kaum nachkommen. Um einen erneuten Volksaufstand zu verhindern, stehen in den großen Städten an jeder Ecke Revolutionsgarden und regimetreue Söldner.
Israel und die USA entzweien sich
Am vergangenen Wochenende griff die israelische Luftwaffe Öllager in Teheran und der Umgebung an. Der Himmel über der Hauptstadt verdunkelte sich, und Einwohner der Stadt berichteten von schwarzem Regen.
Laut einem Bericht der Nachrichtensite „Axios“ war Washington „bestürzt“ über die Angriffe auf Öldepots. Sogar der einflussreiche republikanische Senator Lindsay Graham, ein erklärter Fan der israelischen Regierung, äußerte Kritik. Israel möge doch „bitte vorsichtig“ bei der Wahl seiner Ziele sein, schrieb er auf „X“. Mit der „Militäroperation“ wolle man das iranische Volk befreien, und die Ölwirtschaft sei wichtig, um den Menschen ein besseres Leben zu ermöglichen.
Rauchwolke über Teheran
Washington war „bestürzt“ über die Angriffe auf Öldepot.
Je länger der Krieg dauert, desto schwieriger wird es für Israel und die USA, an einem Strang zu ziehen. Noch decken sich deren Ziele im Iran: Das Regime muss fallen. Doch während Trump den Krieg so rasch wie möglich beenden will, ist Netanjahu bereit, deutlich weiterzugehen, um die Führung zu stürzen – oder das Land so weit zu schwächen, dass keine Gefahr mehr davon ausgeht.
Die USA haben den Iran unterschätzt
Wie die „New York Times“ berichtet, beschweren sich Trumps Berater hinter vorgehaltener Hand darüber, wie sprunghaft und chaotisch der US-Präsident die Kriegsziele in der Öffentlichkeit kommuniziert.
Hinzu kommt, dass die USA die Folgen des Krieges und die Fähigkeiten des Iran offenbar grob unterschätzt haben. Nach den ersten Raketenangriffen vor zwei Wochen hieß es aus dem Pentagon, man habe am ersten Tag fast das gesamte iranische Raketenarsenal und rund 80 Prozent der Drohnen zerstört. Wenige Tage später gaben Pentagon-Mitarbeiter in einem Hintergrundgespräch gegenüber Kongressabgeordneten zu, dass immer noch etwa 50 Prozent des Raketenarsenals intakt seien und das Regime über weit mehr Drohnen verfügt habe als ursprünglich angegeben.
Die USA haben den Krieg ohne Exit-Strategie begonnen und gehofft, dass der Enthauptungsschlag das Regime ins Wanken bringt. Diese Hoffnung hat sich bisher nicht erfüllt.
Unser Plan ist es, den Krieg auszuweiten und zu verlängern.
Mahdi Mohammadi, Berater des iranischen Parlamentspräsidenten
Mit den steigenden Zahlen ziviler Todesopfer im Iran kann die Führung hoffen, dass der Zorn auf die Angreifer bald größer ist als der Hass auf das Regime. Im Süden des Landes wurden bei einem Raketenangriff der USA auf eine Mädchenschule mehr als 170 Menschen getötet, die meisten davon Kinder. Und im Libanon, wo Israel Stellungen der Hisbollah auch in Wohngebieten angreift, sind mittlerweile mehr als 700.000 Menschen auf der Flucht.
Die Amerikaner werden kriegsmüde
Normalerweise versammelt sich das Volk zu Kriegsbeginn hinter der US-Regierung. Das ist diesmal anders. Nie war ein Krieg bereits zu Beginn dermaßen unbeliebt: Laut einer aktuellen Umfrage sind gerade einmal 41 Prozent der Befragten in den USA dafür. Beim Irakkrieg 2003 waren es 76 Prozent gewesen, zu Beginn der US-Intervention im Zweiten Weltkrieg sogar 97 Prozent.
Die Kriegsmüdigkeit der Amerikaner liegt auch daran, dass sich die Folgen der Militärintervention auch an amerikanischen Tankstellen zeigen. Das iranische Regime hat die Straße von Hormus de facto geschlossen. Damit können Tanker und Containerschiffe die Seestraße zwischen dem Iran und Oman nicht mehr passieren – und die Preise für Öl und Gas sind in lichte Höhen geschossen. Das haben Trump und sein Team offenbar nicht miteinkalkuliert. „Wir wissen, dass Amerika äußerst besorgt über einen regionalen Krieg ist, dass seine Wirtschaft darunter leiden und seine Verbündeten Schaden nehmen werden“, schreibt Mahdi Mohammadi, Berater des iranischen Parlamentspräsidenten, auf „X“. „Unser Plan ist es, den Krieg auszuweiten und zu verlängern. Das ist der größte Schlag, den wir Trump versetzen können, und wir haben keine andere Wahl.“
Trump empfängt Särge gefallener US-Soldaten
Noch nie war ein Krieg zu Beginn so unbeliebt bei der US-Bevölkerung wie dieser.
Für seine Strategie, die Kosten des Krieges zu maximieren, um die USA und Israel unter Druck zu setzen, hat das iranische Regime rasch einen originellen Codenamen gefunden: Operation Madman.
Hinzu kommen die bei iranischen Vergeltungsschlägen getöteten US-Soldaten. Am vergangenen Wochenende nahm Trump die Zinksärge der ersten sechs Gefallenen im Empfang, am Sonntag starb ein weiterer Soldat. Mehr als 140 Bedienstete der US-Armee wurden verletzt.
Je länger der Krieg dauert, desto schwerer wird es Trump fallen, seine Basis um sich zu scharen. Sie hat ihn gewählt, weil er versprochen hat, keine neuen Kriege zu beginnen und die Lebenskosten zu senken. Beide Versprechen hat er gebrochen. Ein halbes Jahr vor den Zwischenwahlen könnte Trump dieser Krieg teuer zu stehen kommen. Und Teheran wartet nur darauf, dass der US-Präsident angesichts der hohen Kosten einknickt.
Siobhán Geets
ist seit 2020 im Außenpolitik-Ressort und seit 2025 stellvertretende Ressortleiterin. Schwerpunkt: Europa und USA.
Robert Treichler
Ressortleitung Ausland, stellvertretender Chefredakteur.