Volker Türk sitzt vor einem Schild ("haut-Commissaire aux droits de l'homme"), er hält sich ein Gerät ans Ohr und blickt in die Kamera.
Bild anzeigen
Wählen Sie profil als bevorzugte Google-Quelle

Volker Türk: „Es regiert das Recht des Stärkeren“

UN-Menschenrechtskommissar Volker Türk erzählt, wie die UN auf Kritik von Trump und Co. reagiert und warum Israel seine Briefe ignoriert.

Drucken

Schriftgröße

2025 war kein gutes Jahr für die Vereinten Nationen (UN). Es hagelte Vorwürfe und Kritik. Die UN seien eine aufgeblasene Bürokratie, hieß es etwa aus Washington. Und der indische Außenminister fragte, wo die UN tatsächlich etwas bewirkt hätten – bei den Friedensbemühungen für Gaza und die Ukraine haben sie keine Rolle gespielt. Was läuft da falsch?

Volker Türk

Es stimmt, dass der UN-Sicherheitsrat in den großen Konflikten abwesend war. Und jede Bürokratie, ob das ein Staat ist oder eine Institution, muss sich natürlich immer anschauen, ob sie es nicht besser machen kann. Doch die UN bestehen aus 193 Mitgliedstaaten mit unterschiedlichen Interessen. Man muss genau schauen, welche Interessen hinter der Kritik stecken. Denn wenn es die Vereinten Nationen und ihren Grundkonsens nicht gäbe, würde die Welt sehr viel schlimmer aussehen.

Volker Türk sitzt an einem Tisch und gestikuliert.
Bild anzeigen

Wo konkret haben die Vereinten Nationen im abgelaufenen Jahr Schlimmeres verhindert?

Türk

Ein konkretes Beispiel vom letzten Monat. Der Präsident von Kirgisistan wollte die Todesstrafe wieder einführen, wir haben mit klaren menschenrechtlichen Argumenten interveniert – und das Verfassungsgericht verhinderte das geplante Gesetz. Auch zu den Protestbewegungen von Studenten in verschiedenen Ländern – in Nepal, Serbien, Madagaskar, Bangladesch – habe ich Stellung genommen. Wir beobachten genau, ob die Polizei Menschenrechtsverletzungen begeht und Gewalt ausübt. In den sozialen Medien hat unser Beitrag dazu beispielsweise in Nepal innerhalb einer Stunde zehn Millionen Views bekommen. Unsere Stellungnahmen zeigen also sehr wohl Wirkung – und sie machen Hoffnung.

Zur Person

Volker Türk, 60, geboren in Linz, ist seit September 2022 Hoher Kommissar der Vereinten Nationen für Menschenrechte. Der Jurist arbeitete beim UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR, bevor er 2019 ins UN-Generalsekretariat für strategische Koordinierung wechselte. Vor allem seit Ausbruch des Krieges in Gaza steht der Österreicher – wie auch die Vereinten Nationen insgesamt – unter heftiger Kritik.UN-Generalsekretariat 

Bei den Verhandlungen um Frieden in der Ukraine und in Gaza geben die USA den Ton an. Verhindert Washington, dass sich die UN einbringen?

Türk

Die Vereinten Nationen können nur dann helfen, Konflikte zu lösen, wenn die Parteien uns als Mediator haben wollen. Bei den US-Initiativen habe ich bisweilen Bedenken. Es darf nicht nur um Machtpolitik gehen, sondern es müssen Menschenrechtsfragen im Vordergrund stehen, wie der Austausch von Gefangenen und die Rückkehr der deportierten ukrainischen Kinder. Manche Friedensinitiativen gehen an der Realität vorbei, dabei sollten sie nachhaltige Resultate bringen. Und da spielen die Vereinten Nationen eine entscheidende Rolle: Wir können Friedensprozesse begleiten, und wir sorgen für eine Verteilung der Macht in Zeiten, in denen alles von einigen wenigen mächtigen Staaten bestimmt wird.

Die Position der Vereinten Nationen ist klar: Wir sind gegen die Todesstrafe.

In Israel soll ein Gesetz beschlossen werden, das die Verhängung der Todesstrafe bei Terrordelikten verpflichtend macht, wenn sich die Tat „gegen den Staat Israel oder die Erweckung des jüdischen Volkes in seinem Land“ richtet.

Türk

Das Gesetz ist noch nicht beschlossen. Die Position der Vereinten Nationen ist klar: Wir sind gegen die Todesstrafe, und wir argumentieren, warum sie im Grunde genommen ein Instrumentarium der Vergangenheit ist und keine abschreckende Wirkung hat. Die Tendenz geht in Richtung der Abschaffung der Todesstrafe, das zeigte zuletzt etwa Simbabwe.

Das Verhältnis zwischen Israel und den Vereinten Nationen ist zerrüttet. Welche Möglichkeit haben die UN überhaupt noch, die Regierung zu erreichen?

Türk

Das gilt für die jetzige israelische Regierung, aber ich hoffe, dass es wieder zu einem Umdenken kommt. Will man wirklich Frieden schaffen, braucht es die Vereinten Nationen. Wir helfen nach wie vor in Gaza, und wenn man uns gelassen hätte, hätten wir viel mehr humanitäre Hilfe leisten können. Die Alternative war die „Gaza Humanitarian Foundation“ – eine Katastrophe.

Robert Treichler

Robert Treichler

Ressortleitung Ausland, stellvertretender Chefredakteur.

Siobhán Geets

Siobhán Geets

ist seit 2020 im Außenpolitik-Ressort und seit 2025 stellvertretende Ressortleiterin. Schwerpunkt: Europa und USA.