Rammstein mit neuem Album "Zeit"

Rammstein mit neuem Album "Zeit"

© Bryan Adams/Universal Music

Aufgedreht
03/11/2022

Neues Rammstein-Lied „Zeit“: Stärker als der Tod

Was uns die neue Rammstein-Single „Zeit“ über Gegenwart und Zukunft erzählt.

von Philip Dulle, Stephan Graschitz

Hört man sich „Zeit“, die neue Single der Berliner Rockband Rammstein, genauer an, bekommt man ein gutes Gefühl dafür, wie sich dieser Spätwinter 2022 zwischen Krieg in Europa und Never-ending-Pandemie so anfühlt: verloren, verzweifelt, sprachlos – und dennoch ein wenig hoffnungsvoll. Denn: Die sechs Musiker widmen sich in fünf Minuten und 21 Sekunden dem Leben von der Wiege bis zum Grabe und spiegeln den ewigen Menschheitswunsch, die Zeit doch für einen Moment an- und festhalten zu können. Nach uns wird es vorher geben / Aus der Jugend wird schon Not / Wir sterben weiter, bis wir leben / Sterben lebend in den Tod, singt Till Lindemann betont emotional und gewährt damit einen Vorgeschmack darauf, wie sich das Alterswerk der ewigen Skandalband anhören könnte. Alles geht so schnell und kommt nie wieder.

Rammstein wäre nicht eines der aufregendsten und polarisierendsten Pop-Projekte der letzten drei Jahrzehnte, wenn die Band für ihre Meditationsübung in Sachen Leben, Tod und Vergänglichkeit nicht erneut eindrucksvolle Bilder fände. Regisseur und Musiker Robert Gwisdek, 38, erschafft einen aus pathetischen Bildern meisterhaft inszenierten Kurzfilm, der die Vergänglichkeit zwar mit dem Vorschlaghammer, aber eindrucksvoll auf den Punkt bringt: Man sieht die Band schiffbrüchig auf hoher See, als herumirrende Soldaten im Wald, einem Haufen Kindern mit behelfsmäßigen Holzgewehren gegenüber; hier hat man sofort die aktuellen dystopischen Kriegsbilder aus der Ukraine vor Augen: Warmer Körper ist bald kalt / Zukunft kann man nicht beschwör’n / Duldet keinen Aufenthalt / Erschaffen und sogleich zerstör’n, heißt es weiter.

Ob bewusst oder unbewusst: Rammstein geben der Gegenwart der großen Ungewissheiten Worte und Bilder – mehr Zeitgeist ist in der Popmusik kaum möglich. Auch wenn der große Skandal diesmal ausblieb: Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass sich die Zeit zwar nicht bestechen lässt, diese dafür aber für Gerechtigkeit sorgen wird. Gestern, heute, morgen: Das Leben ist immer noch stärker als der Tod.

 

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