Die Band Bilderbuch

Die Farbe des Frühlings? Bilderbuch und ihr neues Album "Gelb ist das Feld"

© Lucas Christiansen

Aufgedreht
04/06/2022

Neues Bilderbuch-Album: Wo bleibt die Magic?

Uninspiriert in den Frühling: Österreichs Pop-Aushängeschild Bilderbuch fehlt offenbar die Herausforderung.

von Philip Dulle, Lena Leibetseder

Schon der erste Song macht klar, woran „Gelb ist das Feld“, das neueste Album der österreichischen Indiepop-Vordenker Bilderbuch, laboriert: „Bergauf“ klingt behäbig, zwischen Midtempo-Geschunkel und Westerngitarre, getragen vom Bilderbuch-typischen Englisch-Deutsch-Sermon, die auch nach sechs langen Minuten und drei Sekunden noch immer nicht zum Punkt kommt.

Der Punkt ist nämlich der: Es ist April 2022, und die ewigen Buben von Bilderbuch sind verliebt – in den Frühling, möchte man mutmaßen, aber auch ein bisschen (wie könnte es als Popstar anders sein) in sich selbst. Alles, und das ist hier keine Übertreibung, dreht sich in den 14 neuen Liedern um „Tricks gegen Einsamkeit“ – und warum man besser über den Wolken küsst, obwohl Sänger Maurice Ernst natürlich genau weiß, dass „fliegen nicht gut ist“. Die Liebe in Corona-Zeiten ist eben auch nicht das, was sie einmal war. So heißt es in der aktuellen Single „Dates“, die diesen Freitag gemeinsam mit dem Album erscheint: „Ich bin ein nasty Boy / Plötzlich presst sie an meine Lippen Finger / und sagt / Es ist kalt alleine draußen / Baby so kalt alleine draußen“.

Die 14 Lieder von „Gelb ist das Feld“ klingen wie ein Frühlingstag im Park, von dem man sich nicht viel erwartet; in der Sonne liegen, Picknick-Biedermeier, softe Drinks und fade Dates. Bitte nicht falsch verstehen: „Gelb ist das Feld“ ist in gewissen Momenten immer noch viel besser als das meiste, was in Sachen internationaler und nationaler Pop aktuell so veröffentlicht wird, aber Bilderbuch scheitern 2022 an ihrem eigenen Anspruch: aus Musik und Text eine unerhörte Melange, ein Stück Magie zu zaubern, also Songs, die sich zwischen Spaß und Ernst, zwischen Sex-Appeal und Kunstanspruch bewegen und die mit herkömmlichen Beschreibungen kaum zu fassen sind. 

2005 in Oberösterreich gegründet, entwickelte sich die ehemalige Schulband um Frontmann Maurice Ernst nach ersten Gehversuchen im Nullerjahre-Indierock schnell zu gefeierten Pop-Neudenkern. Aus herkömmlichem, also allgegenwärtigem Gitarrengeschrammel wurde Funk, aus 0815-Songs entstanden kleine Zauberwelten. 2015 erschien das Album „Schick Schock“ mit dem Überhit „Maschin“, der die Band über Österreich hinaus bekannt machen sollte – und Bilderbuch löste sich spätestens mit „Magic Life“ (2017) und dem Doppelalbum „mea culpa / Vernissage My Heart“ (2019) aus dem Neue-Wiener-Welle-Kosmos um Wanda und Der Nino aus Wien.

Aber zurück zu „Gelb ist das Feld“: Es scheint, als würde Bilderbuch auf ihrem siebten Album die Herausforderung fehlen. Nach Jahren als Ausnahmeerscheinung (Vergleiche zwischen Falco und Prince wurden inflationär bemüht) hat sich der Bilderbuch-Schmäh, wie man in Wien sagen würde, ein wenig abgenutzt. Aber er funktioniert, und das nennt man wohl das Bilderbuch-Paradoxon, in einigen Songs dann doch wieder berauschend gut: In „La Pampa“ (man hört: verträumte Harmonien, eine verhallte Mundharmonika), „Zwischen deiner und meiner Welt“ (flächige Gitarrensounds, Liebeskummer-Kopfkino) und „Schwarzes Karma“ hört, vielmehr fühlt man, was diese besondere österreichische Band seit Jahren ausmacht: zeitloser Glamrock, unsterbliche Gitarrensoli, sehr gegenwärtige Reime – sprich: Hymnen gegen die Langeweile des Alltags.

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Jetzt auf Spotify: Die Songs der Woche von Lena Leibetseder und Philip Dulle in der Aufgedreht-Playlist. Jeden Freitag neu.