Father John Misty

US-Musiker Father John Misty

© Ward Kweskin

Aufgedreht
04/08/2022

Neues Album von Father John Misty: Hipster-Papst und Scharlatan

Der US-Musiker Father John Misty, Role-Model der Millennials, erscheint auf seinem neuen Album geläutert.

von Philip Dulle, Lena Leibetseder

Lebenskrisen und Erfolgserlebnisse gehen in der Popmusik oft Hand in Hand: Als Joshua Michael Tillman, der sich als Singer-Songwriter Father John Misty nennt, 2017 sein großartiges drittes Album „Pure Comedy“ veröffentlichte, wollte er vom Pop- und Medienzirkus nichts mehr wissen. Dabei war das ehemalige, in den Hollywood Hills residierende Mitglied der Indie-Folkrock-Band Fleet Foxes bereits selbst zur Celebrity geworden („I’m basically a meme at this point“ gestand er der „Los Angeles Times“). Was sollte gerade er, ein weißer Thirtysomething mit Gitarre und Rauschebart, seinem studentischen bis besserverdienendem Publikum schon von der Welt da draußen erzählen, ätzte er in alle Richtungen – vor allem gegen sich selbst. Seine Konsequenz: Rückzug ins Private, Umzug von Kalifornien nach Louisiana („Leaving LA“), keine Interviews, Konzertabbrüche.

Das Folgewerk „God’s Favorite Customer“ (2018) setzt eine Zäsur im Schaffen des Hipster-Papstes. Aus dem ewigen Satiriker, der den Alltag, die first world problems und Unzulänglichkeiten der Millennials so schön zu besingen wusste, war ein geläuterter Schmerzensmann geworden; statt auf üppige Orchestrierung setzte er auf Minimalismus, seine Krisen wollte er nicht mehr hinter blankem Hohn und Zynismus verstecken.

Auf „Chloë and the Next 20th Century“ führt Father John Misty, inzwischen 40 Jahre alt und zurück in Los Angeles, diesen Weg fort, ohne auf seine Millennial-Klientel zu vergessen: sein fünftes Album verhandelt noch immer sehr komisch toxische Beziehungen, unglücklichen Sex, die kleinen und großen Tragödien der 2020er-Jahre, seine Musik verortet er aber im letzten Jahrhundert. Man hört Swing- und Country-Versatzstücke, Bossa Nova und diesen typischen Father-John-Misty-Sound, der auch gerne einfach die Stimme ins Zentrum rückt. „I don’t know about you / But I’ll take the love songs / And give you the future in exchange“ heißt es im Abschlusssong „The Next 20th Century“. Joshua Tillman scheint mit sich und seiner Kunst, Anfang 40, endlich im Reinen zu sein.

Father John Misty: “Chloë and the Next 20th Century” (Pias Records/Bella Union)

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